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| 18:07 Uhr

Cottbus
Wenn der Autismus den Alltag bestimmt

 Matthias Limberg und seine Arbeitskollegin Linda Friedow in der Werkstatt Hand in Hand in Cottbus.
Matthias Limberg und seine Arbeitskollegin Linda Friedow in der Werkstatt Hand in Hand in Cottbus. FOTO: Hans Limberg
Cottbus. Zum Welttag des Autismus gibt Familie Limberg aus Cottbus Einblick in ihr Leben und will aufklären.

Petra Limberg hat viele Jahre lang geträumt, dass sie eines morgens aufsteht, ans Bett ihres Sohnes tritt, er die Augen öffnet, aufspringt, lacht, sie umarmt und ruft: „Mama, war alles nur gespielt.“ Dieser Morgen kam nie. Ihr Sohn ist Autist. Es dauerte zehn Jahre bis die offensichtliche Entwicklungsstörung des Kindes endlich einen Namen bekam und damit eine Diagnose existierte. Das half beim Umgang damit. Den Jungen mit seinen Besonderheiten hatte die Familie da längst mit ganzem Herzen angenommen.

Für Petra und Hans Limberg gehört der Autismus zum Alltag. Und die Eltern haben es sich zur Aufgabe gemacht, darüber aufzuklären. Der 2. April ist der Welttag des Autismus. „Wir wollen, dass die Menschen ein besseres Verständnis bekommen“, sagt die Mutter. Der Brandenburger Landesverband Autismus Deutschland ist ihnen dabei eine große Stütze. Er feiert in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Limbergs waren fast von Anfang an dabei. „Es ist gut, wenn man sich verbindet, aktiv ist und einander hilft“, sagt Petra Limberg. So organisiert der Landesverband in diesem Jahr am 13. September in Cottbus einen Autismus-Fachtag. Unabhängig davon führt Petra Limberg unterdessen Gespräche mit dem Obenkino, um dort möglicherweise mit einem Film über Autismus einen Themenschwerpunkt zu setzen.

Der Autismus ist nach Angaben des Vereins kein seltenes Phänomen. Fachleute gehen demnach davon aus, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung betroffen ist. Das sind mehrere Hunderttausend Menschen allein in Deutschland. Dabei habe der Autismus vielfältige Erscheinungsformen.

Matthias Limberg wird bald 40 Jahre alt und seine Mutter gibt offen zu: „Was in ihm vorgeht, das wissen wir als Eltern nicht richtig.“ Aber mal ehrlich: Wer kann das mit Sicherheit über seine Nächsten wirklich sagen? Allerdings hat Matthias Limberg noch nie ein Wort gesprochen. Das bedeutet allerdings nicht, dass er die Menschen nicht versteht und sich nicht verständlich machen kann. Eine typische Ausprägung des Autismus ist allerdings die Einschränkung der sozialen Fähigkeiten. „Das bedeutet aber nicht, dass Matthias nur für sich ist“, sagt die Mutter. „Er kennt Freundschaften.“ Die sind ihm wichtig. Genauso wie seine Mal-Nachmittage mit anderen Gleichgesinnten beim Macht los e.V.

Autisten fällt es generell schwer, sich in der Welt zu orientieren. Kleinigkeiten werden dabei schnell zu unüberwindbaren Hindernissen, wie etwa unterschiedlicher Straßenbelag. Genau dafür haben Matthias Limberg und seine Familie einen Kompromiss gefunden: den Rollstuhl. Obwohl er laufen kann. „Ohne den Rollstuhl würden wir mit Matthias gar nicht vorwärts kommen“, sagt Hans Limberg und erklärt: „Der Rollstuhl ist sein Rückzugsort, wo er nicht reglementiert wird.“ Da ist es dann auch egal, ob der gerade über Pflastersteine oder Rasen fährt.

Das ganze Leben der Familie ist um die Bedürfnisse des Sohnes strukturiert. Der Ablauf jedes Tages wird zuvor festgelegt. Dafür gibt es einen Plan. Der hängt an der Küchentür. Trotzdem gibt es Ausnahmen. Urlaub etwa. Den verbringt die Familie mit dem Wohnmobil in Kroation oder schippert mit dem Hausboot über die holländischen Grachten. Sohn Matthias ist dabei. „Wir haben gute Freunde, die Matthias gern und gut in die Gemeinschaft aufgenommen haben“, sagt Petra Limberg. Ihr Mann ergänzt: „So stellen wir uns Inklusion vor. Unser Sohn gehört ganz einfach dazu.“

Der größte Erfolg für die Familie ist allerdings etwas, was für die meisten Menschen selbstverständlich ist: ein Arbeitsvertrag. Den hat Matthias Limberg mit den Lebenshilfe-Werkstätten Hand in Hand abgeschlossen. Ermöglicht hat das auch die fachliche und verständnisvolle Begleitung durch das Team der Werkstatt selbst. Beim Gedanken daran rutscht Petra Limbergs Hand ans Herz. „Das bedeutet nicht nur, dass er normal am Leben teilnehmen kann. Es bedeutet auch, wenn er einmal in einer Wohnstätte lebt, hat er das Recht in die Werkstatt zu gehen.“ Mit dem Arbeitsvertrag hat der Sohn seine Eltern überrascht. „Wir hätten es kaum für möglich gehalten, dass er das schafft“, sagt der Vater. Es kommen hoffentlich noch einige Überraschungen.

 Matthias Limberg und seine Arbeitskollegin Linda Friedow in der Werkstatt Hand in Hand in Cottbus.
Matthias Limberg und seine Arbeitskollegin Linda Friedow in der Werkstatt Hand in Hand in Cottbus. FOTO: Hans Limberg