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| 13:29 Uhr

Im Dieselkraftwerk
Der große Verwandler

 Friedrich B. Henkel, Toskanische Bergstadt III, 1981, Bronze, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Friedrich B. Henkel, Toskanische Bergstadt III, 1981, Bronze, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 FOTO: VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Cottbus. Alles, was der Bernauer Bildhauer Friedrich B. Henkel zu Kunst macht, wird schön. Eine Ausstellung im Landesmuseum Cottbus gibt davon Zeugnis. Von Thomas Klatt

Kubische Verschachtelungen schichten sich zu einer mediterranen Stadt, Bronzestatuen feiern lieblich-weibliche Wesen, steinige Höhlen von Georgien werden zu einem Relief. Der Bildhauer und Maler Friedrich B. Henkel sieht Landschaften und bringt sie in eine Form. So könnte man den Schaffensprozess des Künstlers kurz zusammenfassen. Zugegeben: wissenschaftlich verkürzt, dennoch passend.

„Landschaft: Zwischen und Erleben und Abstraktion“, so heißt auch die Ausstellung, die bis zum 16. Juni im Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus zu sehen ist. Einem der letzten großen Bildhauer aus der Cremer-Stötzer-Ära einen größeren Platz einzuräumen, ist das erkennbare Konzept von Kurator Jörg Sperling, der Henkel großzügig, auf einer ganzen Etage des Hauses, in mehreren Räumen und Seitengängen, präsentiert. Sperling ist hier nicht chronologisch vorgegangen, sondern hat Themen zusammengefasst. Das tut dem ausgewählten Konvolut gut und setzt den Betrachter nicht unter zeitlichen Zuordnungsdruck.

Der harte Stein in seiner vielfältigen geologischen Substanz ist sein Metier, Henkel arbeitet sich hinein, und immer macht er aus dem Spröden das Schöne. Manchmal ist es sehr konkret, manchmal abstrahiert er stark. Inspiration für viele seiner Werke holt er sich auf Reisen, die er schon seit den 60er-Jahren unternimmt. Er sieht die berühmten georgischen Höhlenstädte und fertigt daraus Skizzen und Zeichnungen – um später ein Höhlenrelief entstehen zu lassen. Ungewöhnlich für diese Zeit, deren offizielle Kunsttheorie der Sozialistische Realismus ist. Mitte der 70er-Jahre faszinieren ihn in Rumänien Erntegarben, die abstrahiert werden und miteinander verschmelzen.

In manchen Alters-Arbeiten des 82-Jährigen erkennt man die Herkunft als Holzschnitzer, sein ursprünglich erlernter Beruf. „Schwabenfrau Weible“ wirkt wie eine solide schwäbische Zimmermannsarbeit. Immer findet er seins, etwas Eigenes, das er wahrnimmt, um es sich anzueignen. Ob in Kappadokien, in arabischen Wüsten oder in den alten Städten am Mittelmeer, die er kubisch interpretiert. Einen Kopfstein in Marokko verwandelt er in ein Gesicht. Aus Papier macht er mit Mischtechniken eine alte Felswand. Henkel ist ein großer Verwandler. In diesem Prozess, in dem es entsteht, entsteht Harmonie. Man möchte über die abstrakten Steine der alten Städte streicheln und die Bronzefigur des mittelalterlichen Märchen­erzählers berühren. Erlaubt ist es leider nicht.

Dabei ist seine Arbeitsmethode eine besondere. Die Collagen und Zeichnungen sind bei ihm gleichberechtigt. Sie sind nicht bloße Vorstufe für die Skulptur; eine übliche Bildhauerzeichnung gibt es bei Henkel nicht. Deshalb hat Kurator Sperling den Zeichnungen und Skizzen einigen Raum eingeräumt, meist hängen sie in Nähe der bildhauerischen Arbeiten, die ihre Zugehörigkeit zum Plastischen schnell erkennen lassen.

Auch seine Heimat hat Henkel einer seiner typischen Verwandlungen unterzogen. In einer Endmoränen-Landschaft sieht er einen weiblichen Akt und formt ihn in Stein. Die vorhandene geologische Formation, aber auch Landschaften in aller Welt, sind ebenso wie alte Baukulturen die Grundlagen eines sich über sechs Jahrzehnte ausdehnenden Schaffens.

„Bildhauer sein bedeutet Widerstand zu leisten gegen das Material, das Flüchtige, die Tradition, die Dummheit“, schrieb Henkel im Jahre 1995. Finissage der Ausstellung ist am Sonntag (16.6.) um 16 Uhr. Der Künstler wird anwesend sein. Ein Katalogbuch begleitet die Ausstellungsreihe, die 2017 im Kulturbahnhof Biesenthal begann und nun im Cottbuser Landesmuseum endet.

Friedrich B. Henkel: „Landschaft zwischen Erleben und Abstraktion“, Landesmuseum für moderne Kunst (dkw.), Cottbus, bis 16. Juni, geöffnet dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr, Christi Himmelfahrt, Pfingstsonntag und -montag 10 bis 18 Uhr, Telefon: 0355 49494040

 Friedrich B. Henkel, Toskanische Bergstadt III, 1981, Bronze, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Friedrich B. Henkel, Toskanische Bergstadt III, 1981, Bronze, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019 FOTO: VG Bild-Kunst, Bonn 2019