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| 07:13 Uhr

Umweltschützer gegen Braunkohle
Was Fridays for Future in der Lausitz erreichen will

 In der Lausitz prallen wie hier bei der Fridays-for-Future-Demo im August 2019 in Cottbus die Meinungen aufeinander. Ein Mitarbeiter des Energiekonzerns Leag trägt dabei ein Plakat mit der Aufschrift „Ihr demonstriert, wir liefern“.
In der Lausitz prallen wie hier bei der Fridays-for-Future-Demo im August 2019 in Cottbus die Meinungen aufeinander. Ein Mitarbeiter des Energiekonzerns Leag trägt dabei ein Plakat mit der Aufschrift „Ihr demonstriert, wir liefern“. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. An vier Orten sind in der Lausitz für Freitag, 20. September 2019, Klimaschutz-Demos geplant. Die Unterstützung für Fridays for Future wächst. Aber es gibt zugleich Kritik an den Klima-Streikenden – deren Sprecher sich nun kompromissbereit geben. Von Oliver Haustein-Teßmer

Bundesweit wollen am Freitag, 20. September 2019, in mehr als 500 Städten, darunter Orten in Brandenburg und Sachsen, Menschen für den Klimaschutz demonstrieren. Dies sagt Carla Reemtsma, Sprecherin in Deutschland für die weltweit aktive Umweltschutzbewegung Fridays for Future, der Lausitzer Rundschau.

Die Bewegung, initiiert von Schülerinnen und Schülern, setzt sich unter anderem für einen zügigeren Kohleausstieg in Deutschland ein, als bisher von der Kohlekommission favorisiert.

Bis 2030 soll nach dem Willen der Umweltschützer Schluss sein mit der Verbrennung von Braunkohle und Steinkohle zur Stromerzeugung. 2035 solle Energie in Deutschland zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne und Wind erzeugt werden.

Ein Vorschlag der Kohlekommission sieht dagegen bisher als Ausstiegsdatum 2038 vor.

Carla Reemtsma: Verstehe Lausitzer Klima-Kontroverse

„Mir ist klar, dass das in der Lausitz ein kontroverses Thema ist, und Klimaschutz funktioniert nur, wenn man dabei die soziale Gerechtigkeit im Blick behält“, sagt Reemtsma. Das heiße zu berücksichtigen, wie Regionen stärker gefördert werden könnten, die von Maßnahmen zum Klimaschutz stärker betroffen seien.

 Carla Reemtsma: Die Sprecherin von Fridays for Future will Umweltschutz und soziale Belange in der Lausitz zusammenbringen.
Carla Reemtsma: Die Sprecherin von Fridays for Future will Umweltschutz und soziale Belange in der Lausitz zusammenbringen. FOTO: picture alliance/dpa / Jörg Carstensen

In der Lausitz sind für den 20. September 2019 Demonstrationen in Cottbus (13 Uhr), Finsterwalde, Senftenberg (jeweils 11.55 Uhr) und Görlitz (11.57 Uhr) geplant. Kirchengemeinden haben dazu aufgerufen, die Glocken läuten zu lassen. Beteiligen wird sich beispielsweise die Kirche in Guben.

„Nach dem zweiten Dürresommer in Folge spüren wir einmal mehr die Betroffenheit durch den Klimawandel. Ausgetrocknete Wiesen und Äcker, sinkende Wasserstände an Seen und Flüssen und sinkende Grundwasserspiegel sind deutliche Zeichen. Es ist Zeit zu handeln!“, sagte Martin Pehle, Vorsitzender des evangelischen Gemeindekirchenrats in Guben laut Mitteilung.

Lausitzer Kirchen: Glockenläuten und Andacht fürs Klima

Auch in Dahme sollen Kirchenglocken läuten; in Luckau findet zusätzlich eine Klima-Andacht statt.

Allein die Schülerproteste hätten bisher nicht ausgereicht, den Klimaschutz voranzubringen, sagt Anton Kröber (25). Der Cottbuser Student an der BTU Cottbus-Senftenberg rechnet bei Fridays für Future auf dem Platz am Cottbuser Stadtbrunnen (Heronplatz) mit bis zu 150 Teilnehmern.

„Ich fände es persönlich ganz gut, wenn wir in der Region gemeinsam an einem Strang ziehen und einen Kompromiss finden würden“, sagt Kröber. Dabei geht es ihm nach eigenen Angaben es um Klimaschutz und Hilfe im Strukturwandel. „Wenn ich lese, dass unsere Uni finanziell nicht gerade gut dasteht, ist klar, dass hier mehr passieren müsste.“

Gewerkschafter: Stromversorgung darf nicht gefährdet sein

In der Lausitz hängen einige Tausend Arbeitsplätze von der Braunkohle ab. Weitere Jobs bei Zulieferern sind von Tagebauen und Kraftwerken in der Region direkt oder indirekt abhängig. Deswegen blicken Mitarbeiter der Leag und anderer Unternehmen skeptisch auf die Klimaschutz-Aktivitäten.

„Noch in diesem Jahr ein Viertel der Kohlekraft abzuschalten, wie von Fridays for Future gefordert, würde nicht nur Tausende Menschen von heute auf morgen um ihren Job bringen, es würde auch die Sicherheit unserer Stromversorgung gefährden“, sagt Michael Vassiliadis, Chef der für Bergbau zuständigen Gewerkschaft IG BCE, der Deutschen Presse-Agentur dpa.

 IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis: Übereilter Kohleausstieg gefährdet die die Sicherheit der Stromversorgung.
IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis: Übereilter Kohleausstieg gefährdet die die Sicherheit der Stromversorgung. FOTO: dpa / Monika Skolimowska

Inzwischen haben sich weitere Klimaschutz-Gruppen gebildet, darunter Parents (deutsch: Eltern) for Future und Entrepreneurs (Unternehmer) for Future. Verbände unterstützen die Klimaschutz-Proteste, darunter die brandenburgische Volkssolidarität. Einige Verbände und Unternehmen stellen ihre Mitarbeitern gegebenenfalls frei, damit diese an Kundgebungen teilnehmen können.

Fridays for Future: Unternehmen sollen Verantwortung übernehmen

Angesichts dessen sagt Fridays-for-Future-Sprecherin Carla Reemtsma der Lausitzer Rundschau: „Wir freuen uns über die Unterstützung. Allerdings sollten Unternehmen das nur machen, wenn sie selber bereit sind, eine gewisse Verantwortung zu übernehmen – und nicht am nächsten Tag einfach weiter Autos produzieren oder Kohle abbaggern lassen.“

Die Haltung der Klimaschützer sowie Streiks während der Schul- und Arbeitszeit bleiben allerdings umstritten. So fordert der Pädagogen-Verband in Brandenburg eine klare Haltung vom Bildungsministerium in Potsdam zum Thema Schule schwänzen, wenn Schülerinnen und Schüler an Klima-Protesten teilnehmen statt zur Schule zu gehen.

Die Politik lasse die Lehrer im Regen stehen, es gebe keine eindeutige Anweisung, „ob wir nun eher pädagogisch oder juristisch reagieren sollen“, sagte Verbandspräsident Hartmut Stäker laut dpa.

Klimaschutz: Angela Merkels Klimakabinett berät

Am 20. September 2019 will das Klimakabinett der Bundesregierung seine Strategie für mehr Klimaschutz vorlegen. Zuvor ist ein weiteres Treffen der Koalitionsspitzen angesetzt. Während die Union bisher über milliardenschwere Förderprogramme vor allem auf Anreize fürs CO2-Sparen setzen will, pocht die SPD auf strikte Vorgaben.

Am 23. September 2019 beginnt der UN-Klimagipfel in New York, der verbindliche Klimaschutz-Vorgaben zum Ziel hat. mit dpa

Klima-Aktivisten demonstrieren in Cottbus FOTO: Michael Helbig