Viele Menschen unterschiedlichsten Alters und Geschlechts sitzen entspannt, mit Rotwein, Bier oder Sekt versorgt, in der "Tellhalle". Und hätten Zigaretten nicht die unangenehme Eigenschaft, schädlich für den menschlichen Organismus zu sein (was sich wiederum in einschlägigen Gesetzen widerspiegelt), wäre dieses kleine Separée im großen Theater gewiss mit Zigarettenrauch vernebelt.

Wer diese Szenerie vor dem inneren Auge hat, bekommt schon eine relativ genaue Vorstellung von der Idee "Nachtaktiv". Bei dieser Late-Night-Serie des Cottbuser Staatstheaters handelt es sich um eine Reihe, bei der "Ein Künstler des Hauses mit etwaigen Gästen ein Programm gestaltet und das mit ganz eigenem Charme". Diese Worte der Staatstheater-Dramaturgin Sofia Lungwitz beschreiben das "Nachtaktiv" ganz gut. Genau das bekommen die Zuschauer geliefert: Kein festes Konzept, kein Plan und keine Vorschriften fesseln die Akteure bei der Vorbereitung und Ausführung. Egal, ob freie Improvisationen, Podiumsdiskussionen oder Lesungen. Prinzipiell ist alles möglich bei diesen kostenlosen Veranstaltungen für kulturell interessierte Nachtschwärmer.

Bei der 24. Auflage des "Nachtaktivs" am vergangenen Freitag erfreuten Sofia Lungwitz und ihr Gast, die Schauspielerin Laura Maria Hänsel, das sich betont intellektuell gebende Publikum mit einer Lesung eigener Texte. Ihr verbindendes Thema: "Fremdheit". "Inspiration waren für uns ganz klar jüngste Ereignisse", sagte Sofia Lungwitz. "Die Flüchtlingskrise hat uns förmlich überrollt und das wollen wir in unseren Texten verarbeiten." Zu den Geschichten selber lässt sich vor allem eines sagen: Sie passten. Sie passten zu der exklusiv angehauchten, einen "Geheimtipp" versprechenden Atmosphäre der Kulisse. Sie passten in die Zeit, sie passten zum Publikum und sie passten zum Sujet.

Beide Autorinnen bereiteten ihr Thema sehr unterschiedlich auf und ließen den Begriff "Fremdheit" in ganz verschiedenen, aus dem Leben gegriffenen Geschichten anschaulich werden: Da ist die Entfremdung in der Beziehung zwischen zwei Menschen, die füreinander geschaffen scheinen, wie im Text von Laura Maria Hänsel. Sofia Lungwitz beschrieb die Beziehung eines Nachkriegskindes zu seinem ständig umziehenden Vater. Fremdheit ist überall.

Beide Geschichten brillierten in puncto Realismus. Sie waren lebensnah verfasst und literarisch kompetent gearbeitet. Dem Publikum gefiel's. "Eine lockere Veranstaltung mit nachdenklich-aktuellem Bezug, durch die Vortragenden sehr ansprechend gestaltet", meint zum Beispiel Nachtaktiv-Besucher Paul Wiesenberg. Als Fazit lässt sich sagen, dass auch die jüngste Folge der Theaterreihe überzeugt hat und Vorfreude aufs nächste "Nachtaktiv" weckt.