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Frauen überleben schwere Herzinfarkte seltener als Männer

Achtung, empfindsames Frauenherz: Emotionaler Stress ist eine der größten Gefahren.
Achtung, empfindsames Frauenherz: Emotionaler Stress ist eine der größten Gefahren. FOTO: SENTELLO - Fotolia
Heftige Schmerzen im Brustkorb, die teils in den Arm ausstrahlen, kombiniert mit Todesangst und Schweißausbrüchen – das sind die klassischen Symptome bei einem Herzinfarkt. "Jedenfalls bei Männern", fügt Dr. Kristin Rochor, Leitende Oberärztin der Kardiologie am Sana-Herzzentrum Cottbus, hinzu. Daniela Kühn

"Bei Frauen äußert sich der plötzliche Verschluss beziehungsweise die Verstopfung des Herzkranzgefäßes mitunter ganz anders." Allgemeines Unwohlsein, plötzliche körperliche Schwäche, Beklemmungen, Atemnot, Schmerzen zwischen den Schulterblättern, im Hals oder Unterkiefer oder in der Magengegend - wer würde bei solchen Beschwerden sofort an einen Herzinfarkt denken?! "Nur die wenigsten. Und vor allem Frauen leiden im Herzinfarkt unter eher unspezifischen Symptomen, so dass der Notarzt häufig erst spät alarmiert wird, oder aber die Betroffenen sich erst Tage später in der Hausarztpraxis vorstellen", weiß die Medizinerin. Viel Zeit geht verloren, obwohl es wichtig wäre, die verstopften Gefäße im Herzen schnell wieder zu öffnen, damit der Muskel ausreichend mit Sauerstoff und Blut versorgt werden kann und das Herzmuskelgewebe nicht abstirbt. "Zeit ist Muskelmasse. Je weniger Zeit bis zur Therapie verstreicht, umso mehr Herzmuskelgewebe ist noch zu retten. Unser Team ist darauf spezialisiert, schnell auf derartige Notfälle zu reagieren und steht rund um die Uhr bereit."

Frauenherzen sind empfindlicher

Eine kürzlich veröffentlichte Münchner Untersuchung*, bei der die Daten von knapp 33.000 Herzinfarktpatienten, die im Katheterlabor behandelt wurden, ausgewertet worden waren, zeigte, dass trotz gleicher professioneller Behandlung sowohl die Rate schwerer Komplikationen wie Gefäßverletzungen und Reanimationen als auch die Sterblichkeit bei Frauen jeweils 20 Prozent über jener der Männer lag. Mit dem um sieben Jahre höheren Durchschnittsalter der Frauen konnte dieser Unterschied nicht erklärt werden. Eine Rolle könnten die kleinere Anatomie der Gefäße und die unterschiedliche Bioverfügbarkeit wichtiger Herzmedikamente spielen. Hier besteht noch weiterer Forschungsbedarf in der Gendermedizin.

Risiko: Diabetes, Stress und Depressionen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen bei Frauen wie bei Männern zu den häufigsten Todesursachen. "Bis zu den Wechseljahren bleiben Frauen zwar weitgehend vom Herzinfarkt verschont, da ihre körpereigenen Hormone einen guten Schutz bieten. Ab einem Alter von 60 Jahren holen sie aber rasant auf, überholen ab dem 75. Lebensjahr in der Statistik die Männer", sagt Dr. Kristin Rochor. In den letzten Jahren nimmt jedoch der Anteil jüngerer Frauen mit Infarkten signifikant zu. Vor allem ein veränderter Lebensstil mit Übergewicht in jungen Jahren, vergesellschaftet mit Stoffwechselerkrankungen und fehlender sportlicher Betätigung trägt dazu bei. Diabetes beschleunigt bei Frauen mehr als bei Männern die Entwicklung einer koronaren Herzerkrankung. Andererseits wurde vermehrter Stress im Alltagsleben als Risikofaktor für einen ungünstigen Verlauf eines Infarktes bei Frauen identifiziert.

"Vier Fünftel aller Herzinfarkte wären durch eine bewusst gesunde Lebensweise vermeidbar," ist sich Dr. Kristin Rochor sicher. Eine ausgewogene, sogenannte mediterrane Ernährung, Normalgewicht, der Verzicht auf Nikotin, die Behandlung von Bluthochdruck, Diabetes und zu hohen Choleste rinwerten sowie eine positive Lebenseinstellung zählen dazu. Auch Depressionen sind ein Risikofaktor, der nicht zu unterschätzen ist. Schließlich liegt bei zirka acht Prozent der schweren Herzattacken bei Frauen (wesentlich seltener bei Männern) kein "echter" Infarkt, sondern ein Fall von "gebrochenem Herzen", ein Tako-Tsubo-Syndrom vor. Schwere emotionale Erregung infolge von Streit, plötzlichem Verlust und Trauer aber auch massivem körperlichem Stress infolge Überanstrengung, oder einer anderen Erkrankung können zum plötzlichen Pumpversagen des Herzen trotz normaler Kranzgefäße führen.

(*Quelle: DGK Abstract Heer et al, Erhöhte intra-hospitale Mortalität bei Frauen mit STEMI im Vergleich zu Männern trotz des gleichen technischen Erfolges bei der PCI - Ergebnisse des Koronarangiographie- und PCI-Registers der DGK. Clin Res Cardiol 106, Suppl. 1, April 2017)