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| 14:16 Uhr

Kontrovers diskutiert
„Wenn Mutti früh zur Arbeit geht …“

 Nach dem zur Diskussion anregenden Film „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht ...“ hat Christoph Polster vom Cottbuser Aufbruch der Regisseurin und Autorin Freya Klier die DVD „Energie von unten - Cottbus 89“ überreicht.
Nach dem zur Diskussion anregenden Film „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht ...“ hat Christoph Polster vom Cottbuser Aufbruch der Regisseurin und Autorin Freya Klier die DVD „Energie von unten - Cottbus 89“ überreicht. FOTO: Ingrid Hoberg
Cottbus. Wie gleichberechtigt waren Frauen in der DDR? Freya Kliers Filmdokumentation „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht …“ beschäftigt sich mit dieser Frage. Im Stadtmuseum Cottbus wurde mit der Regisseurin kontrovers diskutiert. Von Ingrid Hoberg

„Du sollst dich erinnern!“ Das hat Freya Klier auf ihrer Homepage zum elften Gebot erhoben. Und dem ist auch der Film „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht …“ gefolgt, den sie 2017 gemeinsam mit ihrer Tochter Nadja Klier produzierte.

Am Mittwochabend hat sie die rbb-Dokumentation im Stadtmuseum vorgestellt und anschließend mit einem durchaus gespaltenen Publikum über die Gleichberechtigung von Frauen in der DDR diskutiert.

Das zwiespältige Bild, das das damals bekannte Kinderlied hervorruft, wird schon deutlich, wenn der Text weitergeht „… dann bleibe ich zu Haus‘“. Das war vielleicht noch für die in den 1950er-Jahren geborenen Kinder tatsächlich oft so.

Es gab Familienkonstellationen mit Großeltern oder Tanten, die die Betreuung mit übernahmen. Oder die junge Mutter war vielleicht „mithelfende Ehefrau“ im privaten Handwerksbetrieb ihres Mannes und das Kind wurde „nebenher“ groß.

Das Familienleben später sah anders aus: Die meisten Mädchen und Jungen wurden von ihren Müttern in Kinderkrippe oder -garten abgegeben und erst nach der Schicht oder dem Arbeitstag im Büro wieder abgeholt.

Wie gleichberechtigt waren Frauen in der DDR?

Nadja Klier geht als Gesprächspartnerin den Geschichten der Frauen nach und beginnt gleich bei ihrer Großmutter, die es im VEB Polypack von der Packerin zur Verantwortlichen für die wissenschaftliche Arbeitsorganisation gebracht hatte.

„Waren Frauen wirklich gleichberechtigt?“, so die Frage, die sie dann mehreren Gesprächspartnerinnen und auch ihren Männern stellt.

Die Antworten fallen differenziert aus, die Lebenssituationen waren nicht identisch, auch wenn in der DDR eigentlich alle dem „sozialistischen Menschenbild“ entsprechen sollten und 40 Jahre lang so erzogen wurden.

Aber es war eben eine Nischen-Gesellschaft, in der andere Lebensentwürfe ihren Platz fanden.  Ein Beispiel im Film ist ein Kinderladen in Berlin-Prenzlauer Berg, den Ulrike und Gerd Poppe 1980 einrichteten, ohne den Staat zu fragen.

Unbeobachtet blieb die Sache nicht, nach fast drei Jahren wurde der Kinderladen von Stasi-Leuten ausgeräumt und das Schaufenster zugemauert. Die Räume blieb leer – trotz des Wohnungsbedarfs damals

Gleichberechtigung in der DDR eine Doppelbelastung für Frauen

„Ich habe mir meine Gleichberechtigung genommen“, sagt eine Frau in einer Straßenumfrage selbstbewusst. Familienleben wurde in der Stadt anders organisiert als auf dem Land. „Dort gab es eben doch mehr intakte Familien- und Nachbarschaftsverbindungen“, sagt Freya Klier in der Diskussion nach dem Film.

Das sei für sie, die Stadtfrau, eine große Entdeckung während der Recherche gewesen. Ziemlich übereinstimmend bleibt im Rückblick, dass die Gleichberechtigung der Frauen in der DDR eine Doppelbelastung im Alltag bedeutete. Den permanenten Spagat zwischen Kinderbetreuung, Haushalt und Arbeit hielten nicht alle aus. Der Film thematisiert deshalb auch die bekanntermaßen hohe Selbstmordrate und etwa 1,5 Millionen Abtreibungen in den Jahren 1974 bis 1983.

Das führt in der Diskussion, die von Klaus Jochen Arnold von der Konrad-Adenauer-Stiftung Brandenburg moderiert wurde, zu Widerspruch von Besucherinnen. Auf die Frage: „Woher wollen Sie wissen, wie es den Frauen ging, welche Beweggründe sie zur Abtreibung hatten?“, verweist Freya Klier auf die Befragung von etwa 200 Frauen, die sie 1981/82 durchgeführt habe.

Ob der Zusammenhalt damals besser gewesen sei, zieht eine andere Zuhörerin in Zweifel. Sie sei nach dem Studium in die Lausitz geschickt worden und hatte keine Großeltern zur Kinderbetreuung: „Die Kinder waren abends alleine, wenn der Vater auf Dienstreise war und ich auch weg musste.“

„Frauen wollten arbeiten gehen“

„Wir hatten ein schönes Leben“, sagt eine andere Besucherin und verwahrt sich dagegen, dass Kinder in Betreuungseinrichtungen „abgeschoben“ worden seien. „Frauen wollten arbeiten gehen“, betont sie und verweist auf die jüngere Generation. Manche  junge Mutter würde heute wegen der Kinder verkürzt arbeiten und sei trotzdem „abends fix und fertig“.

„Der Film hat ein Stück DDR-Geschichte aufgearbeitet. Jeder hat seine eigenen Erinnerungen“, sagt Sabine Hickel, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Cottbus.

Die Diskussion ist längst nicht zu Ende, als Christoph Polster, Vorsitzender des Fördervereins Cottbuser Aufbruch, den offiziellen Teil abschließt.

„Nach 30 Jahren sind wir an einem Punkt, mit gegenseitiger Achtsamkeit unterschiedliche Erlebnisse reflektieren zu können“, betont er und überreicht Freya Klier die DVD „Energie von unter – Cottbus 89“.