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Initiative „Dein Sternenkind“
Ein Moment, der ohne zweite Chance bleibt

Hier hat der Fotograf eine berührende Szene zwischen Eltern und ihrem Sternenkind festgehalten.
Hier hat der Fotograf eine berührende Szene zwischen Eltern und ihrem Sternenkind festgehalten. FOTO: KAIGebel
Cottbus. Die bundesweite Initiative „Dein Sternenkind“ ist auch in Cottbus aktiv. Ehrenamtlich tätige Fotografen helfen Eltern, sich zu erinnern. Von Ulrike Elsner

Sternenkindern ist es nur selten vergönnt, das Licht der Welt auch nur für kurze Zeit zu erblicken.  Sie verbringen lediglich einen flüchtigen Moment auf dieser Erde, von dem kaum Zeugnisse bleiben werden. Für die Eltern bricht damit eine Welt zusammen.  Seit fünf Jahren gibt es die Initiative „Dein Sternenkind“, die Betroffenen  hilft, mit diesem Schicksalsschlag umzugehen. Ihr Gründer ist der freie Fotograf und Filmemacher Kai Gebel.

„Deutschlandweit sind in dieser Initiative derzeit 560 Fotografen aktiv“, berichtet Thomas Goethe, einer  von vier oder fünf Cottbuser Fotografen, die mit einer Geste der Mitmenschlichkeit Eltern helfen, die Erinnerung an ein kleines Menschenkind wachzuhalten. Es geht darum, professionelle Fotografien von ihrem sterbenden oder bereits gestorbenen Baby zu machen.  Diese Arbeit ist kostenlos und absolut ehrenamtlich.

Der Begriff Sternenkind bezeichnet in diesem Zusammenhang Neugeborene, die im Mutterleib, während der Geburt oder kurz danach sterben. Häufig sind es Frühgeburten. In der Statistik des  Carl-Thiem-Klinkums werden unter diesem Begriff nur Frühgeburten, meist in der 21. und 22. Schwangerschaftswoche, erfasst.  Dort sind im vorigen Jahr sechs Sternenkinder gezählt worden, die insgesamt 1134 Geburten gegenüberstehen.

„Im CTK gibt es liebevolle Psychologinnen, die sich des Themas angenommen haben“, berichtet Thomas Goethe.  Allerdings passiere es immer wieder, dass betroffene Eltern zu spät von der Initiative „Dein Sternenkind“ erfahren, um das kleine Zeitfenster nutzen zu können. „Es geht um ein schönes Bild von dem Moment, den das Kind auf der Welt war“, sagt der Fotograf. Und das das einzige bleiben wird, während es von heranwachsenden Kindern gewöhnlich unzählige Fotos gibt. Und weil die Erinnerung bei der Trauerbewältigung so wichtig ist, sind die Eltern für diesen Dienst äußerst dankbar. Seit dem Jahr 2013 sind auf diese Weise zwischen 3000 und 3500 Kinder fotografiert worden. Allein im vergangenen Jahr waren es 1400.

Thomas Goethe ist seit zwei Jahren für die Initiative unterwegs. „Ich habe in dieser Zeit sieben oder acht Sternchen begleitet“, sagt er. Der Einsatz beginnt mit einem Alarm – ähnlich wie bei der Feuerwehr – für alle angeschlossenen Fotografen im Umkreis von etwa hundert Kilometern. Dann kann jeder entscheiden, ob er Zeit hat, den Auftrag anzunehmen, oder nicht. Die Rückmeldungen werden von einem der insgesamt 14 Koordinatoren bearbeitet. Danach erfolgt die Kontaktaufnahme mit den Eltern. „Vielleicht muss ich sofort los oder ich warte auf ein Einsatzsignal, weil die Geburt gerade erst eingeleitet wird“, berichtet der Fotograf. Es sei jedenfalls noch nie vorgekommen, dass Eltern die gewünschten Fotos nicht bekommen haben.

Jeder Fotograf besitzt auch einen Fundus an Körbchen und Kleidchen in verschiedenen Größen, die von ebenfalls ehrenamtlichen Näherinnen hergestellt werden. Beim Fotografieren selbst  ist viel Einfühlungsvermögen erforderlich, weil sich die Eltern verständlicherweise in einer Extremsituation befinden. „Manchmal lassen sich die Eltern gemeinsam mit ihren Babys fotografieren, manchmal stehen auch nur die kleinen Füßchen oder Händchen im Mittelpunkt. Am Ende bekommen die Eltern eine CD mit den bearbeiteten Bildern und eine Bildermappe zugeschickt. Wie sie damit umgehen, ist ganz verschieden. „Manche öffnen das Päckchen sofort, andere erst später“, weiß Thomas Goethe. Wieder andere lassen es ungeöffnet liegen oder stellen sich ein Bild auf den Schrank.“  In jedem Fall aber spürt der Fotograf eine große Dankbarkeit, für die sich jeder Einsatz lohnt.

Voraussetzung für alle Aktiven ist hohe Professionalität. „Sie müssen es verstehen, mit schlechtem Licht umzugehen“, so Thomas Goethe, „und über das notwendige Equipment verfügen.“ Dem Cottbuser ist es ein wichtiges Anliegen, „Dein Sternenkind“ bekannter zu machen. Er hat das Gefühl, dass viele Leute gar nichts darüber wissen. Das betrifft das Krankenhauspersonal ebenso wie die Eltern.

„Die Bilder müsst ihr euch nicht sofort ansehen“, heißt es in einem Brief an die Eltern auf www.dein-sternenkind.de, „aber sie werden da sein, wenn ihr bereit seid, sie anzuschauen. Sie werden euch in eurem Trauerprozess eine wertvolle Stütze sein. Diese Porträts werden für immer eine greifbare Erinnerung an eurer geliebtes Baby sein. Für diese Art von Bildern gibt es leider keine zweite Chance.“

Manchmal stehen einfach nur die kleinen Füßchen im Bildmittelpunkt. Foto: Kai Gebel
Manchmal stehen einfach nur die kleinen Füßchen im Bildmittelpunkt. Foto: Kai Gebel FOTO: Kai Gebel