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Fortschrittliche Gedanken in repräsentativem Gewand

Morgen ist es genau 140 Jahre her, dass das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium, die heutige Erich-Kästner-Grundschule, in der Puschkinpromenade eingeweiht wurde. Nach Entwürfen des Königlichen Hofbaurats Adolph Lohse aus Berlin war in zweijähriger Bauzeit ein klassizistisches Gebäude entstanden, das modernen Anforderungen entsprach und Ostern 1867 von 318 Knaben in Besitz genommen wurde. Umbauten und Verfall hatten dem Gebäude stark zugesetzt, als die Cottbuser Architekten Birgit und Fred Wanta mit ihren Planungen für die Sanierung das Denkmal zu neuem Leben erweckten. Von Ulrike Elsner

Das Bauwerk sei „ein beeindruckendes Zeugnis einer bildungsinteressierten Bürgerschaft, die ihrer Jugend eine ordentliche Schule bieten wollte“ , sagt Fred Wanta im RUNDSCHAU-Gespräch. Mit Hofbaurat Lohse habe ein angesehener Mann den Auftrag erhalten, „ein Schinkel-Schüler, der den Klassizismus intus hatte“ . Fred Wanta: „Was er tat, hatte Hand und Fuß.“ Noch heute erfülle das Haus die hygienischen Anforderungen an ein Schulgebäude „und das vielleicht besser als mancher Neubau“ . Adolph Lohse habe „die fortschrittlichen Gedanken seiner Zeit in einem repräsentativen Gewand verpackt und ordentlich umgesetzt“ .
Bei aller Begeisterung, mit der der Neubau damals aufgenommen wurde, sei nicht Luxus, sondern Zweckmäßigkeit oberstes Entwurfs-Ziel gewesen.
Als Beispiele dafür nennt Wanta die Granit-Fußböden in den Fluren, die vier Meter hohen Klassenzimmer, die den damals viel stärkeren Klassen genug Luft zum Atmen boten, die Schiebe-Lamellen über den Türen, die der Lehrer zur Lüftung mit dem Rohrstock leicht betätigen konnte. Oder das in die Kronleuchter der Aula integrierte Lüftungs-System. „Das haben wir rekonstruiert“ , so Fred Wanta.
Das Architekten-Paar habe versucht, „die Seele des Gebäudes zu erfassen, sich in das Denken seines Verfassers reinzufitzen“ . Vieles habe sich erst nach und nach erschlossen, denn der Zustand des Hauses sei vor der Sanierung „sehr unübersichtlich“ gewesen. Als Beispiele nennen die Architekten ein zugemauertes Vestibül, Trennwände im Westflügel, nachträgliche Sanitäreinbauten im Souterrain und Zwischenwände unter den Kreuzgewölben des ehemaligen Heizungskellers. All das sei mit der Sanierung wieder freigelegt worden. Hinzu kam die Trockenlegung der Grundmauern, die durch die wegen gebrochener Leitungen jahrelang versickerten Abwässer nötig geworden war.
Als Grundlage dienten den Architekten die wenigen überlieferten Entwurfszeichnungen und Blaupausen. Manches Geheimnis habe das Gebäude allerdings erst nach und nach preisgegeben. Beispielsweise die zugemauerten Nischen im Vestibül.
Zu einer regelrechten Sensation kam es bei der Öffnung der Decke über der Aula. Dort fanden sich zum Ende des 2. Weltkriegs offenbar in großer Eile versteckte Noten des Schulchors. Da der Bestand der Schulbibliothek beim Einmarsch der Besatzer vernichtet worden war - nur Teile davon hätten Antiquare in einer Nacht- und Nebenaktion retten können - hatte man auch die Noten mehr als 50 Jahre lang verloren geglaubt.
Um das Haus dem Geist Lohses entsprechend zu neuem Leben zu erwecken, sei mancher Kompromiss nötig gewesen. „Hinter dem überlieferten Gesicht verbirgt sich eine neue Struktur, aber das erkennt man erst auf den zweiten Blick“ , erklärt Fred Wanta. Alle neuen Details stünden im Kontrast zum historischen Bauwerk. „Wir haben uns entschlossen, das Sekretariat hinter einer Glastrennwand im alten Vestibül unterzubringen“ , sagt Birgit Wanta. So sei der offene Eingangsbereich optisch wiederhergestellt und gleichzeitig ein zentraler Anlaufpunkt für Schüler und Besucher geschaffen worden. Auch die Brandschutzwände bestehen aus Glas, was den ursprünglichen Charakter der Flure erhalte.
Doch selbst ein Hofbaurat Lohse war nicht perfekt. Eine so genannte Attika (Aufsatz über dem Hauptgesims) habe das Regenwasser auf dem Dach angestaut. Wassereinbruch in die Aula und Schwamm-Befall waren die Folge. Nach Notreparaturen sei die Attika deshalb schon 1874 wieder entfernt worden, schreibt Dora Liersch in den „Cottbuser Blättern“ 1997.

Hintergrund Das Gymnasium
 Dora Liersch schreibt über das Friedrich-Wilhelms-Gymnasium zu Cottbus: „Im rechten Flügel waren das Direktorenzimmer und das Konferenzzimmer untergebracht, im linken befanden sich die Schülerbibliothek und das Klassenzimmer der Quarta. Über diesen Räumen befand sich der Zeichensaal. Der Hausmeister, auch Schuldiener oder Pedell genannt, wohnte mit seiner Familie im Souterrain des Schulhauses. In der letzten, nordöstlichen Gebäudeecke befand sich der Carcer, ein kleiner Raum zum Nachsitzen für ungehorsame Schüler.“
Cottbuser Blätter, Jahrgang 1997