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| 15:19 Uhr

Forschung und Lehre in Cottbus
BTU schafft Eisenbahn-Lehrstuhl ab

Cottbus. Die Uni begründet den Schritt mit ihrer langfristigen strategischen Neuausrichtung. Bei der Bahn hingegen könnte die Entscheidung zu einem Engpass in der Fachkräftegewinnung führen. Von Andrea Hilscher

Das Eisenbahnwesen hat Tradition an der Cottbuser Universität: Bereits im Gründungsjahr 1994 wurde der Lehrstuhl an der BTU gegründet, Prof. Hans-Christoph Thiel ist seitdem Leiter des kleinen aber renommierten Lehrstuhls. Doch nun sind die Tage des Eisenbahnwesens in Cottbus gezählt. Die Ressourcen für Forschung und Lehre werden zurückgefahren. Und sobald Hans-Christoph Thiel in den Ruhestand geht, wird sein Lehrstuhl aufgelöst.

„Das grenzt an eine Katastrophe“, sagt Dr. Roland Spannaus (67) aus Dresden. Spannaus ist ehemaliger Mitarbeiter der DB Netz AG in Berlin, war dienstlich als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl Eisenbahnwesen bei Professor Thiel tätig. Auch nach seiner Pensionierung kümmert er sich an der BTU weiter um die Themenbereiche der Leit- und Sicherungstechnik. „Sowohl die Industrie als auch die Infrastrukturbetreiber in Deutschland brauchen den Nachwuchs, den wir an der BTU ausbilden.“

Spannaus spricht regelmäßig auf Fachtagungen und bei Konferenzen über das drohende Lehrstuhl-Aus in Cottbus. „Es ist mir unverständlich, was hier passiert. Die DB AG braucht 22 000 Fachkräfte. Wo sollen die herkommen?“

22 000 ist eine imposante Zahl, doch Cottbus konnte in der Vergangenheit jährlich nur ein oder zwei Dutzend neue Bachelor- und Masterabsolventen beisteuern, die sich im Rahmen ihres Ingenieurstudiums auf den Bereich Eisenbahnwesen spezialisiert hatten. Für die Bahn dennoch ein wichtiger Baustein der Fachkräftesicherung: Sie stellte der Uni Rückbaumaterialien im Wert von 350 000 Euro zur Verfügung, eine Innen- und Außenanlage mit Komponenten der Relaistechnik und der Elektronischen Stellwerkstechnik boten den Studierenden Möglichkeiten für Praxistests. Mit mehreren Organisationseinheiten der Bahn wurden zudem langfristige Kooperationen geschlossen.

Die Netz AG ist besorgt über die Cottbuser Entscheidungen, hinter den Kulissen wird seit Monaten nach Lösungen gesucht. Die BTU aber bleibt bei ihrer bereits 2015 getroffenen Entscheidung. Prof. Christiane Hipp, amtierende Präsidentin der Universität, erklärt dazu: „Die strategische Neuausrichtung der BTU Cottbus-Senftenberg ist mit dem Hochschulentwicklungsplan im Jahr 2015 im Senat an der BTU beschlossen, vom zuständigen Ministerin zur Kenntnis genommen sowie vom Wissenschaftsrat im April 2016 ausführlich gewürdigt worden.“

Alle Fakultäten seien in diesen Prozess integriert gewesen und hätten sich gemeinsam mit der Hochschulleitung mit der Frage beschäftigt, welche inhaltlichen zukunftsweisenden Forschungsthemen mit welchen Ressourcen bearbeitet werden können.

Hipp verweist dabei auf Möglichkeiten, die angehende Bau- und Wirtschaftsingenieure auch außerhalb von Cottbus haben. „Während das Fachgebiet Eisenbahnwesen an der BTU in den Bachelorstudiengängen Bauingenieurwesen und Wirtschaftsingenieurwesen integriert ist, gibt es an der TU Berlin konkrete Studiengänge für Verkehrswesen sowie an der TU Dresden einen Master Bahnsystemingenieur.“

Für Roland Spannaus zählen diese Alternativen wenig, ihm geht es um Brandenburg und den anstehenden Strukturwandel in der Lausitz. „Transport- und Umweltprobleme stehen hierbei immer wieder im Fokus, die Grundlagen für entsprechende neue Technologien werden an der BTU gelegt.“

Allerdings nur noch bis 2023. Dann geht Professor Hans-Christoph Thiel in den Ruhestand. Und mit ihm verschwindet sein Lebenswerk.