ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:33 Uhr

Forscher beleuchtet Rolle der Cottbuser Kirche zur Nazi-Zeit

Herbert Lehmann in seiner Gallinchener Ausstellung: „Der Arbeitstitel lautete ,Ein Kreuz mit dem Kreuz’. Dann habe ich ihn doch noch geändert.“
Herbert Lehmann in seiner Gallinchener Ausstellung: „Der Arbeitstitel lautete ,Ein Kreuz mit dem Kreuz’. Dann habe ich ihn doch noch geändert.“ FOTO: René Wappler
30 Jahre lang hat Herbert Lehmann aus Gallinchen geforscht, um nun eine Ausstellung in der alten Schule des Cottbuser Ortsteils zu eröffnen. „Am Kreuze scheiden sich die Geister“ , lautet ihr Titel, und sie befasst sich mit einem dunklen Thema der Cottbuser Geschichte: der Rolle der Kirche in der Zeit des Dritten Reiches. Von René Wappler

Alte Briefe. Vergilbte Fotos. Das Jahr 1933, die Machtergreifung Hitlers, eine Gruppe von SA-Männern steht stramm zum Festgottesdienst in der Cottbuser Oberkirche, die Männer haben Hakenkreuzfahnen gehisst.
„Es ist leider so“ , sagt Herbert Lehmann, als er seinen Blick über die Ausstellung in der Schule schweifen lässt. „Viele Kirchenleute haben in der Nazizeit eine unrühmliche Rolle gespielt, auch in unserer Region.“
Es ist leider so: Das bestätigt ihm der Sohn des früheren Groß Gaglower Pfarrers, Winfried Weinhold. „Hier wird nichts beschönigt, hier wird kein Personenkult betrieben, im Gegenteil - diese leidvolle und von Gewissenskämpfen durchdrungene Zeit wird hautnah nachempfunden.“ Ähnlich äußert sich der Leiter des Cottbuser Stadtmuseums, Steffen Krestin: „Eine höchst interessante Ausstellung.“
63 Jahre alt ist Herbert Lehmann, nach eigenen Worten Atheist, „der, wenn überhaupt an etwas, dann an das Gute im Menschen glaubt“ . 30 Jahre lang hat er Dokumente gesammelt, ausgewertet, nach Zeitzeugen gesucht - und präsentiert nun öffentlich das Ergebnis seiner Forschung. Da entdeckt der Besucher Auszüge aus dem „Heimatgruß der Evangelischen Kirchengemeinde Madlow“ zur Glockenweihe in Klein Döbbern aus dem Jahres 1934: „An unserem Gotteshaus waren Lautsprecher aufgestellt, die uns die Rede des Führers übermittelten. Den Altar hatte unsere Frauenhilfe aufgestellt, dahinter stand die Blutfahne der NSDAP.“ Eine Kirchenvorschrift erteilt den Befehl: „Der Geistliche erweist grundsätzlich auch im Ornat den deutschen Gruß.“
Eines zeige sich deutlich in der Ausstellung, sagt Herbert Lehmann: „Die Nazis wollten die Kirche gleichschalten - und das ist ihnen gelungen.“ So setzte sich besonders der Pfarrer von Groß Döbbern, Adolf Tobias, nach Auskunft seines Personalbogens „für die Belange der Staatsform voll und ganz ein“ . Das ging nach den vorhandenen Unterlagen so weit, dass er andere Pfarrer denunzierte - wie den Groß Gaglower Geistlichen Karl Weinhold, der laut Personalbogen „in politischer Hinsicht als unzuverlässig“ betrachtet wurde. Nationalsozialistische Funktionäre schwärzten Weinhold im Jahr 1935 nach einer Predigt beim Amtsvorsteher an - der Pfarrer hatte gesagt: „Die Kirche bietet heute ein Bild furchtbarster Zerstörung.“ Als Weinhold einem Jungen in Uniform der Hitlerjugend eine Ohrfeige gab, zeigte ihn Pfarrer Tobias an.
Mit Weinhold geriet der Gallinchener Lehrer Martin Noack ins Visier der SA: Sie verbannte im Jahr 1937 ein Porträt des früheren Reichspräsidenten aus der Schule, das später öffentlich verbrannt wurde. Im Bericht des Amtsvorstehers heißt es: „Pfarrer Weinhold ist bekanntlich einer der übelsten Hetzprediger gegen den Staat Adolf Hitlers. Den Bestrebungen dieses staatsfeindlichen Pfarrers hat Lehrer Martin Noack, soweit das Dorf Gallinchen in Frage kommt, als Kirchenältester in jeder Weise Vorschub geleistet.“ Es folgte ein Brief des Amtsvorstehers an den Landrat: „Weinhold . . . sollte doch nun endlich einmal im Konzentrationslager die ihm dringend notwendige Schulung erhalten.“ Kurz darauf, im September, wurde er verhaftet.
Danach tut sich eine große Lücke in den Unterlagen von Herbert Lehmann auf. Seine Erklärung: „Die Nazi-Pfarrer haben im Jahr 1945 alles vernichtet, insofern es ihnen möglich war.“ So ließe sich heute nicht mehr nachvollziehen, wann Weinhold aus der Haft entlassen wurde. Und der Groß Döbberner Pfarrer Adolf Tobias, der die Interessen der Nazis vertrat? Ratlos hebt Lehmann die Schultern: „Keiner weiß, wo er verblieben ist.“

Service Kirchen-Ausstellung
  Die Ausstellung „Am Kreuze scheiden sich die Geister“ in der alten Schule von Gallinchen kann mittwochs von 15 bis 18 Uhr besucht werden.
Herbert Lehmann stellt in der Schule am 23. Januar um 17 Uhr sein Buch zum Thema vor.