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| 20:27 Uhr

Raubkopie bediente sich bei Bauhaus-Vorbild aus Spremberg
Reise löst Rätsel der Stalin-Lampe

 Ulrich Röthke sagt: "Die Reise nach Russland hat sich richtig gelohnt." Er arbeitet an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus.
Ulrich Röthke sagt: "Die Reise nach Russland hat sich richtig gelohnt." Er arbeitet an der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus. FOTO: LR / René Wappler
Cottbuser Forscher erfahren in russischen Museen und in einem Atombunker, wie die Sowjetunion das Patentrecht umging.

Zwei Forscher aus Cottbus haben das letzte Rätsel um eine Lampe gelöst, die vor fast einem Jahrhundert produziert wurde. Ihre Spurensuche erstreckt sich auf drei Orte und einen Atombunker, gebaut im Auftrag des Diktators Josef Stalin.In Spremberg stellten die Mitarbeiter der Römmler AG um das Jahr 1930 erste Exemplare der Lampe her. Sie beruhten auf einem Entwurf des Bauhaus-Designers Christian Dell. In Moskau tauchten später nahezu identische Modelle auf, die unzählige Schreibtische in der Sowjetunion beleuchteten. Wie sie den Weg von Spremberg in diese Büros fanden, blieb bisher offen. Des Rätsels Lösung offenbart sich in der russischen Stadt Orechowo-Sujewo. Denn dort befand sich der Sitz einer Firma, die Jahr für Jahr 100 000 Exemplare der Lampe produzierte. Auf ihren früheren Chef trafen die Forscher aus Cottbus jetzt bei ihrer Reise nach Russland.

Es war wohl ein Funktionär, heimgekehrt von einem Ausflug nach Deutschland, der im Jahr 1933 in dieser Firma auftauchte und ein Modell der Spremberger Lampe auf den Tisch stellte. Sie gefalle ihm so gut, dass er sich einen Nachbau wünsche. Dieser Wunsch galt den Mitarbeitern als Befehl. Also lief die Produktion an.

So erzählte es der ehemalige Chef jetzt den Gästen von der Cottbuser Universität, Marina Budnitskaya und Ulrich Röthke, bei einem Mittagessen mit Wodka. Bislang fragten sie sich, ob die russische Produktion nach Bauhaus-Vorbild das internationale Patentrecht befolgte. Nun haben sie allerdings Gewissheit, dass es sich um eine Raubkopie handelte.

Dabei stützen sie sich nicht nur auf die Aussage des früheren Chefs. Denn Erinnerungen können auch trügen, und für überlieferte Erinnerungen gilt das manchmal umso mehr. Als weiterer Beleg dienen ihnen historische Fotos, die sie im Stadtmuseum in Orechowo-Sujewo aufspürten. Sie zeigen Arbeiter am Fließband, datiert auf das Jahr 1939, die diese Lampe am Fließband herstellten. Ulrich Röthke sagt: „Das passt prima zur Information, die uns der frühere Chef gegeben hat.“

Auch im Militärhistorischen Museum in Moskau schauten sich die Forscher aus Cottbus um. Dort fanden sie den Nachbau des typischen Büros eines russischen Offiziers. Auf seinem Schreibtisch thronte ebenfalls eine der kopierten Lampen, die ihren Ursprung dem Bauhaus-Designer Christian Dell und der Römmler AG aus Spremberg verdanken.

Ulrich Röthke erläutert: „Die Russen haben wohl damals sofort die außergewöhnliche Qualität dieser Leuchte erkannt.“ Deshalb habe sich das Produkt in der Sowjetunion auch zu einem Erfolg entwickelt. Erst im Jahr 1972 stellte die Firma in Orechowo-Sujewo die Produktion ein. Denn plötzlich galt die staatlich verordnete Devise: Elektroindustrie und chemische Industrie bleiben von nun an streng voneinander getrennt.

Auf der Reise durch Russland begab sich Ulrich Röthke schließlich tief unter die Erde. Er stieg in einen Atombunker, dessen Bau einst der sowjetische Staatsführer Josef Stalin in Auftrag gegeben hatte. Der Diktator erlebte die Inbetriebnahme nicht mehr. Denn der Bunker wurde erst nach dem Jahr 1954 fertiggestellt. Heute dient er ebenfalls als Museum. Dort entdeckte Ulrich Röthke in den Diensträumen der Wachmannschaften weitere Modelle der Lampe.

In 80 Metern Tiefe, unter einer sechs Meter dicken Stahlbetondecke, hätte das Bauhaus-Design aus Spremberg also fast die letzten Menschen überlebt.

 Selbst in einem Atombunker erhellte die Lampe nach Spremberger Vorbild den Schreibtisch eines Soldaten, wie in dieser Ausstellung zu sehen ist.
Selbst in einem Atombunker erhellte die Lampe nach Spremberger Vorbild den Schreibtisch eines Soldaten, wie in dieser Ausstellung zu sehen ist. FOTO: Ulrich Röthke