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Flüchtlingshilfe direkt vor Ort

Kuriose Spende: Bei Sylvia Wähling vom Menschenrechtszentrum wurden viele abgelaufene Arzneimittel für den Hilfstransport abgegeben. Darunter eine Fangopackung aus dem Jahr 1969.
Kuriose Spende: Bei Sylvia Wähling vom Menschenrechtszentrum wurden viele abgelaufene Arzneimittel für den Hilfstransport abgegeben. Darunter eine Fangopackung aus dem Jahr 1969. FOTO: Nicole Nocon
Cottbus. Das Cottbuser Menschenrechtszentrum (MRZ) und die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) haben gemeinsam Spenden für Flüchtlinge im Irak gesammelt. Ein Lastwagen bringt die Hilfsgüter direkt zu den notleidenden Menschen, die auf der Flucht vor der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) sind. Nicole Nocon

Der 40-Tonner ist auf dem Weg. Rund 4000 Kilometer liegen zwischen Cottbus und dem Ziel: dem Gebiet um die Stadt Dohuk im Norden des Iraks. Dorthin ist der Hilfstransport unterwegs. In der Umgebung von Dohuk im nordirakischen Kurdistan suchen inzwischen etwa eine Million Menschen Zuflucht vor dem IS-Terror. Es sind vor allem Angehörige der jesidischen Minderheit aber auch viele Christen. Sie leben in 20 großen Flüchtlingslagern, wo es am Nötigsten mangelt. Ihre Not ein wenig zu mildern, ist das Ziel der gemeinsamen Hilfsaktion des MRZ und der IGFM.

Flüchtlinge in Not

"Zu uns kommen nur die gesündesten Flüchtlinge. Dort aber leben viele Menschen unter erbärmlichen Verhältnissen, die den langen und gefährlichen Weg zum sicheren Europa nicht machen können", sagt Sylvia Wähling vom Cottbuser Menschenrechtszentrum. Khalil Al-Rasho von der IGFM ist selbst Jeside. Er hat die Hilfsaktion gemeinsam mit dem MRZ organisiert. Al-Rasho war in den vergangenen Monaten mehrfach im Irak. Er kennt die Situation in den Flüchtlingslagern genau und weiß, was vor Ort am dringendsten benötigt wird. Gemeinsam haben IGMF und MRZ zu Spenden für einen Hilfstransport aufgerufen und Geld- und Sachspenden zusammengetragen. "Jetzt können wir Kleider, Spielzeug, Kinderwagen und Schulsachen in den Irak schicken. Wir bekamen auch medizinische Geräte und Hilfsmittel von Praxen und Orthopädiehäusern. Auch der Sozialverband Deutschland aus Berlin half mit und sammelte Hilfsmittel über die AOK in Berlin. Unter anderem wurden 200 Gehstöcke, 40 Rollatoren und 40 Rollstühle gespendet. Darüber hinaus haben wir für 15 000 Euro Medikamente zur Behandlung akuter Krankheiten gekauft", informiert Sylvia Wähling. Leider sei unter den Spenden auch viel Unbrauchbares gewesen. "Die Hälfte der gespendeten Medikamente war abgelaufen und musste als Sondermüll entsorgt werden. Da waren Verbandsmaterial aus DDR-Produktion und sogar eine Fango-Packung von 1969! Ich werde sie dem Apothekenmuseum Cottbus anbieten. Aber was denken Leute, die so etwas spenden", fragt sich Sylvia Wähling, die auch davon enttäuscht ist, dass das Cottbuser Klinikum nicht auf ihre Hilfsanfrage reagiert hat.

Am vergangenen Samstag wurden die Hilfsgüter in Cottbus verladen. "Da der Lastwagen eine Panne hatte und zuerst repariert werden musste, blieb uns nur wenig Zeit. Dank der Unterstützung der Cottbuser Jugendhilfe, die mit einer Gruppe Jugendlicher mit angepackt hat, haben wir es noch rechtzeitig geschafft und der Lkw konnte noch am Samstagabend nach Frankfurt am Main aufbrechen. Dort werden weitere Spenden zugeladen, so zum Beispiel 230 Kartons mit fabrikneuer Kleidung", sagt Sylvia Wähling, die am Sonntag selbst in den Irak fliegen wird, um vor Ort die Verteilung der Hilfsgüter zu begleiten und mit Vertretern der kurdischen Regierung und Behörden zu sprechen. Mit ihr reisen Dieter Dombrowski, der Vorsitzende des MRZ, und vier Ärzte, darunter Dr. Liv Fünfgeld aus Cottbus und Abdulmueen Al Jundi, ein syrischer Arzt, der selbst vor Kurzem als Flüchtling nach Deutschland kam und nun in Rathenow lebt. Khalil Al-Rasho, der gute Kontakte zur kurdischen Regierung hat, fährt voraus, um den Hilfstransport in Dohuk in Empfang zu nehmen und den Einsatz der Gruppe vor Ort vorzubereiten.

Ziel: nachhaltige Hilfe

"Nach einer Woche werden wir zurückkommen", sagt Sylvia Wähling, die hofft, dass sich aus dem Besuch vor Ort neue Kontakte und vielleicht auch Kooperationsmöglichkeiten ergeben, damit die Hilfe einen dauerhafteren Charakter bekommt. "Wir verstehen unsere Reise nicht als einen Tropfen auf den heißen Stein. Denn bei den Massen an Flüchtlingen kann es noch nicht einmal das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen allein schaffen. Jede Organisation, die hilft, leistet etwas sehr Wertvolles", ist Sylvia Wähling überzeugt. Sorgen um ihre eigene Sicherheit macht sie sich keine: "Manche der Flüchtlingslager sind nur zehn Kilometer vom Kampfgebiet entfernt. Aber Kurdistan soll sicher sein. Wir werden sehen. Angst habe ich nicht."