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| 15:11 Uhr

Geschichte des Jahres 2018: Cottbus
Das Jahr, das Cottbus verändert hat

 Die zahlreichen Demonstrationen in Cottbus wurden bundesweit von den Medien begleitet.
Die zahlreichen Demonstrationen in Cottbus wurden bundesweit von den Medien begleitet. FOTO: Michael Helbig
Die Stadt debattiert über Sicherheit, Integration und ein gutes Image. Von Andrea Hilscher

Wenn der Golßener Verein „Zukunft Heimat“ am Montagnachmittag vor dem Blechen Carré demonstriert, dann sagen die Organisatoren: „Silvester 2015 in Köln soll sich nicht wiederholen“. Es gehe darum, den öffentlichen Raum zu verteidigen, so der Verein. Was er dabei verschweigt: Silvester jährt sich auch die Prügelattacke gegen mehrere afghanischen Asylbewerber in Cottbus. Damals verfolgen sieben Deutsche die Flüchtlinge bis in ihre Unterkunft, verletzen zwei Afghanen. Kurze Zeit später kommt es zu Zwischenfällen, bei denen junge Syrer in der Innenstadt Messer ziehen, in einem Fall verletzen sie dabei einen jungen Deutschen im Gesicht.

Die Demonstrationen von „Zukunft Heimat“ gewinnen an Zulauf, deutschlandweit gerät Cottbus in den Fokus der Medien: In der kleinen Großstadt am Rande Deutschlands wird exemplarisch der Umgang mit Zuwanderung und Integration verhandelt. Rechte Demonstrationen und Bürgerdialoge, verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und neue Sozialarbeiter – die Stadt verändert sich.

Jetzt, nach zwölf Monaten, ist es ruhiger geworden auf Cottbuser Straßen. „Zukunft Heimat“ ruft noch immer alle vier Wochen zu  asylfeindlichen Kundgebungen auf, statt mehrerer Tausend kommen jetzt einige Hundert Demonstranten. Die Bürgerdialoge haben sich von Debatten über Integrationsprobleme längst anderen Sachfragen zugewandt. Geblieben ist der Stadt ihr Imageproblem: Gesunkene Übernachtungszahlen und weniger Tagesbesucher machen Hotels und Veranstaltern zu schaffen.

Ordnungsdezernent Thomas Bergner (CDU) hatte im vergangenen Jahr kaum einen Arbeitstag, an dem er nicht in irgendeiner Form damit beschäftigt war, die angespannte Situation in Cottbus zu beruhigen. Da musste um das Alkoholverbot in der Innenstadt gerungen werden, um eine mögliche Waffenverbotszone, die intensive Bestreifung der City oder die Ausweisung von abgelehnten Asylbewerbern.

 Ordnungsdezernent Thomas Bergner (CDU).
Ordnungsdezernent Thomas Bergner (CDU). FOTO: privat

„Heute können  wir sagen, dass die Sicherheitspartnerschaft zwischen Land und Stadt jeden Tag aktiv gelebt wird und funktioniert“, sagt Bergner. „Die Mischstreifen aus Bereitschaftspolizei und Ordnungsamt haben dazu geführt, dass wir unser Personal aufstocken konnten.“ Jetzt habe er insgesamt 22 hoch motivierte Mitarbeiter, die mit Herzblut Präsenz zeigen. „Das fällt auch vielen Touristen sehr positiv auf“, sagt Bergner. Das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen habe sich spürbar verbessert. „Auch unsere Sicherheitsausstellung im Rathaus war sehr gut besucht und hat den Menschen gezeigt, dass wir ihre Ängste ernst nehmen.“

Die Mischstreifen, so sagt er, werden so lange weitergeführt, wie es notwendig erscheint. Ob es allerdings im kommenden Jahr wieder ein Alkoholverbot geben wird, sei noch ungewiss. „Wir schauen uns die Situation an, wenn das Wetter wieder besser wird und die Menschen vermehrt auf den Plätzen unterwegs sind.“ Bei Bedarf, so seine Erfahrung, könne ,man mit dem Alkoholverbot viele Eskalationen verhindern und Probleme frühzeitig entschärfen.

Flankiert werden die Sicherheitsmaßnahmen in Cottbus durch verstärkte Migrationssozial- und Jugendarbeit. „Ein tolles Konzept, das Früchte trägt“, sagt Bergner, „auch im Hinblick auf problematische Situationen in Sandow oder Sachsendorf. „Außerdem ist die Cottbuser Ausländerbehörde die aktivste in ganz Brandenburg“, so der Dezernent. „Wer kein Bleiberecht hat und auffällig wird, den drängen wir zur Ausreise.“ Dabei habe die Behörde immer wieder die Erfahrung gemacht, dass jede erzwungene Ausreise auch freiwillige Rückkehr nach sich zieht. „Viele Familien lassen sich dann von uns beraten.“

Noch unklar ist das Eröffnungsdatum für das neue Sicherheitszentrum, das Polizei und Ordnungsamt gemeinsam betreiben wollen. Auf Antrag der AfD soll die Stadt im Januar Ergebnisse eines Prüfauftrages präsentieren. Darin werden drei Varianten untersucht, in denen das Zentrum betrieben werden kann: mit täglichen Öffnungszeiten, mit zusätzlicher nächtlicher Präsenz oder mit einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb und Ausstattung mit einer Vollzugstruppe.

Im Januar, so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft, wird auch entschieden, ob gegen die sieben mutmaßlichen Angreifer, die die afghanischen Flüchtlinge in der Silvesternacht vor einem Jahr verfolgt haben, Anklage erhoben wird.