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| 19:04 Uhr

Flüchtlinge
Das mühsame Geschäft der Integration

Über 150 Teilnehmer der Integrationskonferenz debattierten im Stadthaus über die aktuellen Probleme in der Stadt.
Über 150 Teilnehmer der Integrationskonferenz debattierten im Stadthaus über die aktuellen Probleme in der Stadt. FOTO: Medienhaus Lausitzer Rundschau
Cottbus. Rund 3500 Flüchtlinge in der Stadt belasten Kitas, Schulen, Sozialarbeiter. Im Stadthaus werden Lösungen gesucht. Von Andrea Hilscher

Henry Crescini, seit Januar neuer Integrationsbeauftragter der Stadt, kann zufrieden sein: Über 150 Vertreter von Schulen und Behörden, von Kammern, Polizei und freien Trägern haben sich am Freitag im Stadthaus zu einer Integrationskonferenz getroffen, um über die aktuelle Situation in Cottbus zu debattieren. Die Organisatoren hatten mit weniger Teilnehmern gerechnet. Der Gesprächsbedarf aber ist riesig, ebenso gewaltig scheinen die zu lösenden Probleme.

Bei den Kitakindern stehen Jugendamt, Jobcenter, freie Träger und Erzieher fast täglich vor verzweifelten Eltern, die dringend einen Betreuungsplatz brauchen. Genau diese Plätze aber sind Mangelware, rund 500 fehlen. „Auf meiner Warteliste stehen 100 Kindern“, sagt die Leiterin einer Sandower Kita. „Trotzdem stehen immer wieder Eltern in der Tür und fragen, ob nicht vielleicht etwas frei geworden ist.“ Ihre Erzieherinnen seien völlig überfordert mit den zusätzlichen Integrationsaufgaben. „Wir bräuchten Schulungen.“ Grit Meyer vom Paritätischen Wohlfahrtsverband bestätigt: „Neben zusätzlichen Kapazitäten brauchen wir dringend mehr Personal in den Kitas, sonst haben wir bald niemanden mehr, den wir zum Dienst schicken können.“ Gerade für Flüchtlinge ist der Kita-Engpass doppelt schlimm: Sie werden unter der Androhung von Leistungskürzungen immer wieder ins Jugendamt geschickt, um Plätze für ihre Kinder zu beantragen. Das Amt muss sie unverrichteter Dinge abweisen.

In den Schulen leiden Lehrer und Schüler gleichermaßen unter übervollen Klassen und akuten Verständigungsproblemen: Flüchtlingskinder kommen oft direkt aus der Erstaufnahme in die Schulen, können weder lateinische Schriftzeichen noch die deutsche Sprache. Gerlinde Zickert, Leiterin der Sachsendorfer Oberschule: „Bewährt haben sich Vorbereitungsklassen, in denen die zugewanderten Kinder Deutsch lernen. Sonst sitzen sie ihre Stunden im Fachunterricht ab, ohne auch nur ein Wort zu verstehen.“ Frustration ist eine Folge, Streit und Rangeleien auf dem Schulhof eine andere. „Wir brauchen mehr psychosoziale Betreuung der Kinder, ausreichend Fortbildung für Lehrer und ein besseres Verständnis für die jeweiligen Kulturen“, so die einhellige Meinung der Fachleute.

Im Bereich berufliche Bildung ist der Spracherwerb ebenfalls ein zentrales Problem. Michael Seifert, Leiter des Oberstufenzentrums: „Wir unterrichten derzeit 108 Schüler in speziellen Berufsvorbereitungsklassen. Die ersten 40 werden jetzt fertig.“ Von ihnen, so schätzt er, sind 20 bis 30 Prozent wirklich fit für eine Berufsausbildung. „Die anderen müssen nochmal einen Sprach- und Integrationskurs besuchen“, so Seifert. Seine Forderung: „Würden alle Schüler diesen Kurs vor der Berufsbildung besuchen, wären die Fachlehrer entlastet, der Bildungserfolg höher.“ Dafür aber müssten Gesetze und Finanzierungsrichtlinien geändert werden.

Und die Flüchtlinge selber? Waren auf der Konferenz stark vertreten. Ihre Wünsche: Gebetsräume, bessere Informationen über bestehende Angebote, einen Migrationsbeirat.