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| 16:40 Uhr

Flüchtlinge
Besucheransturm bei Cottbuser Tafel

Tafelchef Kai Noack.
Tafelchef Kai Noack. FOTO: Julia Tauscher
Cottbus. Mit neuen Öffnungszeiten reagiert die Tafel in Cottbus auf Streitereien und Ängste.

Die Tafel in Essen hat mit ihrer Weigerung, Flüchtlinge weiterhin mit Lebensmitteln zu versorgen, bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Probleme wie in Essen sind auch in Cottbus an der Tagesordnung. Tafelchef Kai Noack hat allerdings eine elegantere Lösung gefunden, um die Situation zu entschärfen.

„Seit vermehrt Flüchtlinge in der Stadt leben, hat sich unsere Kundenzahl verdoppelt“, sagt Noack. Die Folge: Ältere Tafelgäste fühlen sich von der zunehmenden Enge verunsichert, teilweise sogar bedroht. „Es kommt unter den Ärmsten zu Verdrängungskämpfen“ so die Erfahrung von Kai Noack. „Wo wir früher einen prall gefüllten Beutel mit Essen ausgeben konnten, reichen unsere Lebensmittel heute manchmal nur für eine Dreiviertel-Füllung.“ Da werde schnell nach Schuldigen gesucht und auf den vermeintlichen Konkurrenten geschimpft. „Die Tafel ist eben kein Ort für nette Worte“. Um seine ehrenamtlichen Mitarbeiter zu entlasten und die Situation zu beruhigen, hat die Cottbuser Tafel neue Öffnungszeiten eingeführt. Rentner, Aufstocker und Empfänger von Arbeitslosengeld kommen an getrennten Tagen in die Einrichtung. Ob jemand einen deutschen Pass hat oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Aktuell sind etwa 5000 Kunden bei der Tafel registriert, doch nicht alle von ihnen kommen regelmäßig. Rund zwei Drittel aller Tafelausweise sind an Deutsche ausgegeben, ein Drittel an Flüchtlinge. Die tatsächlichen Nutzerzahlen differieren davon: Unter den Geflüchteten gibt es viele Familien mit hoher Kinderzahl. „Wenn wir gerade knapp sind mit Lebensmitteln, bekommt der Ausweisinhaber und seine Kinder eine Zuteilung“, erklärt Kai Noack. „Haben wir gute Vorräte, bekommen auch die Partner einer Bedarfsgemeinschaft etwas.“ Von Cottbus aus werden auch die Tafeln in Welzow, Spremberg, Drebkau, Golßen, Lübben und Luckau mit betreut – wegen der geringeren Zahl an Zuwanderern gibt es dort nach Auskunft der Tafelleitung allerdings weniger Konfliktstoff.

Kai Noack ist stellvertretender Leiter von Tafel Deutschland mit insgesamt 935 Einrichtungen. Die Entscheidung der Essener Tafel, keine Lebensmittel mehr an Flüchtlinge abzugeben, findet er nicht richtig. „Aber es ist falsch, die Kollegen dort anzugreifen. Sie baden die Folgen einer verfehlten Sozialpolitik und einer unausgewogenen Zuwanderung aus.“ Noack hofft auf eine politische Lösung der Armutsproblematik. „Aber solange ich hier bei der Tafel etwas zu sagen habe, machen wir keinen Unterschied zwischen Deutschen und Zuwanderern.“

(hil)