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| 17:58 Uhr

Film Festival
Eine Stadt heilt sich selbst

In dem Film „Wenn wir erst tanzen“ beginnen die Tänzer über ihre derzeitige Lebenssituation zu reflektieren.
In dem Film „Wenn wir erst tanzen“ beginnen die Tänzer über ihre derzeitige Lebenssituation zu reflektieren. FOTO: Contact 99 GbR
Cottbus. In der Sektion „Heimat/ Domownja/Domizna“ zeichnet der Dokumentarfilm „Wenn wir erst tanzen“ das Porträt der totgeglaubten Industriestadt Hoyerswerda, die erst durch ihre liebenswerten Bewohner ein lebendiges Gesicht erhält. Von Jenny Theiler

„Auf den Dächern griffen wir nach dem Himmel und zwischen den Häuserzeilen entdeckten wir die Welt.“ So erinnert sich Dirk L. an seine Kindheit in Hoyerswerda. Szenen aus den Aufbaujahren der einstigen Industriestadt und bunte Bilder, die glückliche junge Menschen zeigen, erleichtern dem Zuschauer den thematischen Einstieg in den Dokumentarfilm und vermitteln auch jüngeren Zuschauern einen authentischen Einblick in bessere Zeiten. Der Verdacht eines sentimentalen Gedenkstreifens, der lediglich den Absturz einer stolzen Industriestadt kontrastieren soll, entsteht jedoch nicht. Vielmehr tritt Hoyerswerda von der ersten Einstellung an als eigenständiger Protagonist auf. Es präsentiert sich im Gewand der allseits bekannten Plattenbauten und spricht durch seine Bewohner, deren facettenreiche Geschichten eine kontrastreiche urbane Seele offenbaren.

Nach der Wende ersetzen Arbeitslosigkeit und Existenzängste den einstigen Heimatstolz bei den Bewohnern Hoyerswerdas. Dennoch ist kein Fokus auf eine, im Sterben liegenden Stadt, erkennbar. So wirken Porträtaufnahmen in sanierten P2 Wohnungen eher freundlich als trist. Auch das Kunstprojekt „Superumbau“ von Dorit Baumeister findet Erwähnung und zeigt jene städtischen Regungen, die lebendig und optimistisch, aber keinsewegs sterbend wirken.

Dieser Tenor manifestiert sich weiterhin. Themen wie Leben und Bewegung werden im Film in besonderer Weise dargestellt und mit dem statischen Protagonisten Hoyerswerda in einen spannenden Kontrast gesetzt. Dirk L. gründet eine Laien-Tanzgruppe, die sich zunächst aus rund 40 Teilnehmern zusammensetzt – der jüngste ist sieben, der älteste 87. Es soll ein Stück entstehen, das den Gefühlszustand der Stadt dokumentieren soll. Dies geschieht im Laufe des Films, durch die individuellen Geschichten eines jeden Einzelnen, die mit persönlichen Ängsten und Erinnerungen, aber auch mit Wünschen und Träumen verbunden sind.

Dirk Lienig, Dirk Heth und Olaf Winkler haben den Film entwickelt und kommen auch selbst zu Wort. Dirk Lienig agiert in der dokumentarischen Handlung als jener Dirk L. der die Funktion des Rückkehrers, Moderators, Tanzgruppenleiters und Psychotherapeut einnimmt. Er fragt aus dem Off nach den Kindheitsträumen seiner Tänzer, die sich in verlegener Rührung an ihre einstigen „Pilla-Palle-Wünsche“, wie es eine Tänzerin nennt, erinnern.

Träume und Wünsche der Allgemeinheit zu offenbaren, ist eine äußerst persönliche Art sich einer unbekannten Masse vorzustellen. So viel Offenheit wird auch vom Publikum honoriert, denn schnell entwickelt der Zuschauer Sympathie und lauscht schmunzelnd den unterschiedlichsten Kindheitsträumen wie Zirkusatristin, Schornsteinfeger oder Musiker. Eine Identifikationsbasis ist geschaffen und verfestigt sich entgültig, als die eigentümliche Tragik des Films zu Tage tritt. Dirk L. fragt weiter und schnell wird klar, dass die Träume vom Fliegen oder vom Zirkus nie in Erfüllung gegangen sind.

Die Konfrontation mit den zerbrochenen Kinderträumen bildet eine Einheit mit dem aktuellen Stadtbild von Hoyerswerda und reißt alte Wunden auf. Schnell wird erkennbar, dass die Verbundenheit mit der Heimat und der Vergangeheit noch immer besteht, aber nie richtig aufgearbeitet wurde. Die Stadt mit den Plattenbauruinen wird zum Spiegelbild der Gemüter. Gleichzeitig beginnen die Tänzer über ihre derzeitige Lebenssituation zu reflektieren, was offenkundig durch den Tanz ausgelöst wird.

Die Tänzer entwickeln im Training ein Zugehörigkeitsgefühl, das viele von damals kannten, einige aber auch nie kennengelernt haben. Sowohl den Älteren, als auch den Jüngeren ist eines jedoch gemein. Die äußeren Lebensumstände werden als erdrückend wahrgenommen und dem Tanz als befreiende Komponente entgegengestellt.

Nachgetanzt wird der Bühnenklassiker „Le Sacre“, dessen fulminantes Ende im Laufe der Proben von Dirk L. doch noch verändert wird. Der Tod einer Jungfrau, die sich in purer Selbstaufopferung für die Gemeinschaft zu Tode tanzt, passt nicht länger zu den Antworten, die die Tänzer mittlerweile gewinnen. Wie der endgültige Schluss getanzt wird, bleibt im Film offen.

Der Film ist in seinem Ausdruck der Stadt ähnlich, die er porträtiert – schlicht, schnörkellos und bescheiden, aber deswegen nicht weniger eindrucksvoll. Es werden Porträts von einfachen Menschen aus verschiedenen Generationen gezeichnet, die den Zuschauer unaufdringlich bewegen. Der Tanz steht hierbei in seiner Vielseitigkeit für Leben, Freude und Entwicklung. „Wenn wir erst tanzen“ transportiert die optimistische Botschaft, dass äußere Umstände nicht immer zu ändern sind, aber das Lebensglück des Einzelnen nicht dominieren sollten. Jeder der Porträtierten zieht aus seiner Lebenssituation seine eigenen Konsequenzen und entwickelt sich, entgegen der so oft postulierten Untergangsstimmtung in Hoyerswerda, weiter.