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| 18:32 Uhr

Blick hinter die Kulissen
Was die Filmfeste in Cottbus und Cannes verbindet

Termine, Termine! Geschäftsführer Andreas Stein und Programmdirektor Bernd Buder treffen sich in den Sommermonaten höchst selten im Festivalbüro. Anfang August hat es geklappt, und die RUNDSCHAU war dabei.
Termine, Termine! Geschäftsführer Andreas Stein und Programmdirektor Bernd Buder treffen sich in den Sommermonaten höchst selten im Festivalbüro. Anfang August hat es geklappt, und die RUNDSCHAU war dabei. FOTO: LR / Verena Ufer
Cottbus . Selbst Fans denken im Sommer noch nicht ans Cottbuser Filmfestival. Das lädt im nieselig-kalten November ein – zur besten Zeit, um Filme zu schauen. Was Zuschauer höchstens ahnen, ist der Berg Arbeit, den die Macher bewältigen müssen, bevor es so weit ist. Die RUNDSCHAU hat sie besucht und kennt schon den Eröffnungsfilm. Von Verena Ufer

Es ist einer der ersten Tage im August. Gegen 11 Uhr brennt die Sonne unbarmherzig auf die Karl-Marx-Straße, wo sich das Büro des Cottbuser Filmfestivals befindet.  Die Formulierung „heiße Phase“, die jetzt laut Veranstaltern in Kürze beginnen soll, erhält so eine irgendwie heitere Doppel-Bedeutung.

Clärchen knallt  zwar noch nicht direkt auf die Fenster der geräumigen Festivalbüroräume in der 3. Etage, die Rollos  sind nur zur Hälfte herabgezogen. Trotzdem ist es schon ganz schön warm. Programmdirektor Bernd Buder sitzt – die Brille auf die Stirn geschoben – hochkonzentriert vor seinem Rechner. „Ich muss noch rasch einige E-Mails durchsehen“, murmelt er entschuldigend.  Es ist still. Erst ab Ende August werden sich nach und nach die Räume füllen. Nur das leise Klackern von Computertastaturen ist aus Nachbarräumen zu hören und die Stimme von Geschäftsführer Andreas Stein, der irgendwo nebenan telefoniert.

Es sei einer der ganz wenigen Tage, wie Letzterer wenig später am großen Sitzungstisch verschmitzt lächelnd anmerkt, an denen Programmdirektor Bernd Buder,  der künstlerische Chef, und er zufällig mal gemeinsam im Büro anzutreffen sind. Und Bernd Buder sitzt praktisch schon wieder auf gepackten Koffern: Zum Filmfestival nach Breslau (Wroclaw) in Polen soll es nun gehen. Viele solcher Dienst­reisen hat er in den vergangenen Monaten absolviert: Odessa, Karlovy Vary, Cannes, Sotschi, Belgrad, Saarbrücken ...(siehe Karte) Und einige kommen ja auch noch.


Diese Aufsteller begleiten Bernd Buder und Andreas Stein sowie die anderen Mitstreiter des Festivals auf Festivals, Präsentationen und andere Veranstaltungen.
Diese Aufsteller begleiten Bernd Buder und Andreas Stein sowie die anderen Mitstreiter des Festivals auf Festivals, Präsentationen und andere Veranstaltungen. FOTO: LR / Verena Ufer

„Da lernt man die Welt kennen!?“

Bernd Buder reagiert auf den Spruch mit einem Lachen. „Man lernt die Kinos, Kongresszentren und Hotels dieser Welt kennen“, erklärt er. Für Stadtbesichtigungen sei eher keine Zeit. „Andererseits treffe ich so viele jüngere und ältere Regisseure, Produzenten, etablierte und  nicht etablierte ... Wir unterhalten uns keinesfalls nur über Filme, sondern auch über Politik, Soziales und Geschichte,  sodass ich wiederum doch sehr viel über ein Land und seine Besonderheiten erfahre.“

An der Filmuniversität von Ohrid in Mazedonien hat er jüngst übrigens  einen Vortrag über Festivalstrategien gehalten. „Ja, auch Fortbildungsarbeit für junge Regisseure in Osteuropa leistet Bernd Buder unterwegs“, wirft Andreas Stein ein. Von „Blauhelmarbeit“ spricht der Programmdirektor und verweist auf eine Netzwerkveranstaltung beim Odessa-Filmfest für junge Journalisten und Filmfestivalmacher aus den Ländern der Östlichen Partnerschaft und Russland. Dort sei darüber diskutiert worden, welchem politischen Druck Festival- und Filmemacher ausgesetzt sind, wenn sie Programme gestalten und Filme drehen, die sich mit Rechtsstaatlichkeit, Antikorruptionskampf oder Genderfragen befassen.

„Ist Festivalvorbereitung  mehr  als Filme gucken?“

„Viel mehr, bislang ist es uns noch nicht recht gelungen, das zu vermitteln, dass so ein Festival ein Ganzjahresvorhaben ist“, sagt Andreas Stein mit einem leisen Stoßseufzer und gibt einen kleinen Einblick: „Bernd Buders fachliche Meinung als künstlerischer Leiter eines international inzwischen sehr renommierten Festivals ist gefragt. Deshalb senden auch außerhalb des Wettbewerbsgeschehens Filmschöpfer ihre Arbeiten nach Cottbus und erwarten eine Einschätzung von ihm. Zudem entwickeln wir gemeinsam über das Jahr hinaus neue Projekte, treffen uns mit Partnern, führen Verhandlungen und sind jederzeit ansprechbar für Förderer und Sponsoren.“

Auch Veranstaltungen im Rahmenprogramm des Festivals werden vorbereitet – etwa internationale Produzenten-Workshops und Schülerfestivals mit Teilnehmern aus Polen, Tschechien und Deutschland. Auch das trägt zum guten internationalen Ruf des Cottbuser Festivals bei. „Die ganze ukrainische Filmszene will nach Cottbus“, verkündet Bernd Buder stolz. In Polen sei es,  wie er weiter berichtet, üblich, dass auf einem Filmplakat in einem Palmenkranz vermerkt werde, auf welchen Festivals ein Streifen gezeigt wurde. Er schmunzelt breit: „Es ist einfach schön, auf so einem Poster „Cannes“ zu lesen – und direkt daneben „Cottbus“.

Wie weit sind die Vorbereitungen des Festivals gediehen?

Von Bernd Buder sowie deutschen und internationalen Rechercheuren des Filmfestes wurden in den vergangenen Monaten an die 700 Streifen geschaut. Davon werden rund 200 Einzeltitel am Ende im Programm stehen. Mit der bisherigen Vorbereitung sind die Festivalmacher zufrieden: „Das Programm ist schon ganz schön voll“, erklärt Bernd Buder.  „Wir haben bereits im Verlauf des Jahres begonnen, mit Rechteinhabern von Filmen zu verhandeln, die wir unbedingt dabeihaben wollen.“ Auch einige Wettbewerbsfilme stünden schon fest, würden aber erst in der Pressekonferenz kurz vorm Festival veröffentlicht.

Nach kurzem Abwägen macht das Chef-Duo für die RUNDSCHAU erstmals eine Ausnahme und verrät vorab, auf welchen Eröffnungsfilm sich die Cottbuser und ihre Gäste freuen können. Das wird „Cold War“ sein. „Der Streifen des polnischen Filmemachers Pawel Pawlikowski über eine Liebe in Zeiten des Kalten Krieges hat von den Zuschauern des Filmfestivals in Cannes 15 Minuten Standing Ovations bekommen“, erinnert sich Bernd Buder und gesteht freimütig: „Nicht nur ich habe am Ende geweint.“ Für seinen Film „Ida“ war Pawlikowski im Jahr 2013 mit einem Oskar geehrt worden. Und „Cold War“ ist in Polen bereits ein absoluter Blockbuster.

Gibt es Neuerungen, auf die Fans gespannt sein können?

Geschäftsführer Andreas Stein ist optimistisch, dass es im November eine Premiere geben wird und verrät, worum es geht: „Wir planen erstmals die Kooperation mit einem großen VOD-Anbieter, der einen eigenen Video-Kanal bei Amazon prime hat. (Video on Demand – VOD – beschreibt die Möglichkeit, Videos auf Anfrage von einem Online-Dienst herunterzuladen. d.Red.) Wir möchten, das einige Beiträge – fünf bis zehn vielleicht – unmittelbar nach Abschluss des Festivals noch für eine begrenzte Zeit auf einem Filmfest-Kanal, der in den des Betreibers eingebettet ist,  zu sehen sind.“ Allerdings seien die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen, schiebt der Geschäftsführer nach.

Neu ist auch das Ende der Sektion Fokus, die den Schwerpunkt in den vergangenen Jahren zumeist auf ein Land legte. Stattdessen würden sich kleinere Filmreihen brisanten Themen etwa aus Georgien, Oberschlesien, der Ukraine  und anderen Ländern und Regionen widmen.

Eine Hommage wird es in diesem Jahr laut Andreas Stein  für den ungarischen Filmregisseur István Szabó geben, der seit dem Jahr 2000 Ehrenpräsident des Festivals ist.  Im November sollen unter anderem weniger bekannte Werke von ihm gezeigt werden. Anlass ist der 80. Geburtstag des Künstlers im Februar.

Auch langjährige Partner vom Filmfestival in Zielona Gora, an denen Bernd  Buder seit der Gründung als Juror teilnimmt, werden in Cottbus vertreten sein. Streifen der Preisträger vom 5. Lyzeum „Krzysztof Kieslowski“, die einen eigenen Kurzfilmwettbewerb ausrichten, werden ihre Arbeiten zum ersten Mal im Vorprogramm des U-18-Wettbewerbs präsentieren.

Und was ganz besonders Familien freuen wird: Eine Märchenpremiere steht erneut in der Cottbuser Stadthalle auf dem Programm. Welche, das hält der RBB noch geheim, so die Cottbuser Festivalmacher.

Was könnte noch besser werden beim Festival – sieht man vom ständigen Ringen um Sponsoren ab ...?

Was die Veranstalter nach wie vor  wurmt, ist, dass das Festival im Ausland und außerhalb der Lausitz vom Jahr zu Jahr bekannter wird – die Resonanz in der Heimat außerhalb von Cottbus aber noch zu wünschen übrig lässt. Dagegen wollen sie sich, wie Andreas Stein sagt, in den nächsten Monaten vor allem in der Spree-Neiße-Region ins Zeug legen, um das Festival bekannter zu machen.

Am Tischende lehnen schon die Werbetafeln, die bereits weit gereist sind.  „Die Aufsteller sind immer dabei, wenn wir unterwegs sind“, sagt Bernd Buder, während sein Kollege sie in Fotoposition ruckelt. Die Jalousien werden fürs Foto noch mal ganz kurz nach oben gezogen, ehe die Sonne für diesen Tag ganz draußen bleiben muss.