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| 01:02 Uhr

„Film ab“ für Cottbuser „Weltspiegel“

Der gestrige Tag hat ein neues Kapitel eingeleitet in der Geschichte von Deutschlands ältestem Kinobau. Kurz nach 11 Uhr flimmerte mit „Hai im Kopf“ , Maria Procházkovás Beitrag zur Spektrum-Reihe des Filmfestivals, das erste Mal seit drei Jahren wieder ein bewegtes Bild über die Leinwand des „Weltspiegels“ . Von Ulrike Elsner

Eine Stunde zuvor hatte noch geschäftiges Treiben im 1911 gebauten Traditions-Kino an der Breitscheidstraße geherrscht. Während Festival-Kurier Oliver Bäuchle den Film abliefert und Mitarbeiter der Berufsfeuerwehr einen Rundgang durch den denkmalgeschützten Bau absolvieren, packt Matthias Schröter Reinigungsmittel und -geräte zusammen. „Wir haben uns kurzfristig entschlossen, das Haus zum Festival wiederzueröffnen“ , erklärt Kino-Betreiber Danny Berthold den Einsatz bis zur letzten Minute.
Kulturwissenschaftsstudentin Judith Riechert bereitet derweil den Ausgabeplatz für die Übersetzungsgeräte vor und vor dem nostalgisch anmutenden Kassenhäuschen hat sich inzwischen eine Schlange gebildet. Die 23-Jährige gehört seit ein paar Jahren zum Helfer- Stab des Festivals. Sie mag „die schöne Atmosphäre und die tollen Filme“ . Längst habe es sich von Cottbus aus herumgesprochen, „dass osteuropäisches Kino viel zu bieten hat“ .

Ein schönes Gebäude
Austauschstudent Reto Egloff aus der Schweiz bereut es nicht, dass er für die Premiere des „Weltspiegels“ die Vorlesung an der BTU hat sausen lassen. Schon bei seinem ersten Rundgang durch Cottbus ist dem künftigen Architekten aufgefallen, „was für ein schönes Gebäude das ist“ . Auch für Johannes Holka (23) ist die Wiedereröffnung des „Weltspiegels“ ein besonderes Ereignis. Nach seinen Erinnerungen an das Lichtspieltheater befragt, ist der Zivildienstleistende um eine Antwort nicht verlegen. „Independence Day“ und „Titanic“ habe er hier gesehen, außerdem Filmfestival-Aufführungen in den Jahren 2000, 2001 und zuletzt 2002. Doch schon da hatte der „Weltspiegel“ nur für die Zeit des Festivals geöffnet. „Ich liebe die alten Kinos“ , sagt Johannes Holka. „Sie haben eine ganz andere Atmosphäre als die Multiplexe.“
Regina Pohl freut sich an diesem Vormittag ebenfalls auf den Kinobesuch in der Innenstadt. „Ich hoffe, dass hier auch künftig Filme gezeigt werden, die jenseits des großen Stroms liegen und in denen Geschichten erzählt werden“ , sagt die Cottbuserin.
Dieser Wunsch deckt sich mit den Ambitionen des Kino-Betreibers. Am 17. November, dem Starttermin für „Harry Potter“ , solle der reguläre Spielbetrieb mit einer Kinowoche beginnen. „Wir zeigen aber nicht ,Harry Potter'“ , sagt Danny Berthold. Vielmehr werde der Kinderfilm „Lepel“ aufgeführt. Der Streifen war in diesem Jahr beim Deutschen Kinder-Film- und Fernseh-Festival in Erfurt mit dem „Goldenen Spatzen“ ausgezeichnet worden.
Als Hauptfilm in der ersten Woche laufe „NVA“ . Außerdem stünden „Die weiße Massai“ und eine erste Staffel von „Hase und Wolf“ -Filmen auf dem Programm. Danny Berthold: „Wir machen sieben Tage die Woche Kino.“ Die Vorstellungen sollen jeweils gegen 15, 17 und 20 Uhr beginnen.
Die landläufige Meinung, dass sich in der Gegenwart nur noch größere Kino-Komplexe wirtschaftlich tragen können, teilt der Kinobetreiber, der noch bis zum 20. November Chef der UCI-Kinowelt ist, nicht. „Der Trend geht hin zu kleinen schönen Kinos mit Atmosphäre“ , sagt er. Interes senskonflikte mit der UCI-Kino-Kette gebe es nicht. „Unsere Strategie ist es, uns gegenseitig zu ergänzen“ , so Berthold. Der „Weltspiegel“ biete „programmatisch eine Ergänzung“ zum Großkino im Cottbuser Süden.
Ganz anders wäre die Situation, wenn der geplante Kino-Bau an der Mehringstraße verwirklicht würde. Der lässt sich nach Ansicht des Noch-UCI-Chefs weder mit dem UCI noch mit dem „Weltspiegel“ vereinbaren. Danny Berthold: „Die Stadt steht vor der Entscheidung, das älteste Kino Deutschlands zu erhalten oder noch so einen Betonblock in die Innenstadt zu setzen.“
Als das Licht im Saal wieder angeht, fällt es auf zufriedene Zuschauer. „Der Film war sehr gut und das Kino ist wirklich schön“ , lobt Anya Grünewald von der Filmhochschule Babelsberg. Und Thomas Harms, Schauspieler am Staatstheater, freut sich, „dass der ,Weltspiegel' wieder auf ist“ . Es sei gut, wenn sich dort auf Dauer ein Programmkino mit Niveau etablieren würde.
Für Filmfestival-Manager Andreas Stein ist der „Weltspiegel“ „ein Glanzpunkt des Festivals“ . Mit der neu eingebauten „ausgezeichneten Projektions- und Soundtechnik“ erfülle er die Anforderungen eines hochmodernen Kinos.

Hintergrund Geschichten zur Stadtgeschichte
  Der Cottbuser Kinohistorie widmen sich die nächsten „Geschichten zur Stadtgeschichte“ am Dienstag, 15. November, um 19.30 Uhr in der Gaststätte „Zelig“ . Steffen Krestin vom Stadtmuseum und andere Fachleute spannen den Bogen von der „Photoplastischen Kunstausstellung“ im Jahr 1898, einem Vorläufer des modernen Kinos, bis zur aktuellen Entwicklung in Cottbus.