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Fehler mit tödlichen Folgen

Der Stolperstein.
Der Stolperstein. FOTO: mih1
Cottbus. Stolpersteine gegen das Vergessen – mittlerweile erinnern 77 Messingplatten im Cottbuser Asphalt an das Schicksal von jüdischen Opfern des Nationalsozialismus. Die RUNDSCHAU stellt monatlich ein Schicksal vor. Erika Pchalek / epk9

Für den Cottbuser Jakob Tobias, seit 7. Oktober 1939 im Polizeigefängnis der Stadt inhaftiert, wird kurz darauf durch die Gestapo ein Schutzhaftbefehl ausgestellt. Darin heißt es: "Jakob Israel Tobias wird in Schutzhaft genommen … Er gefährdet durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates …" Was ist der Grund für diese schwere Beschuldigung? Hat der 62jährige Bomben gebastelt, ein Attentat geplant? Nichts von alledem. Jakob Tobias ist Jude. Und damit während des Nationalsozialismus jeder Willkür ausgeliefert.

1877 kommt er in Posen - heute Poznan - zur Welt, und die alleinstehende Mutter gibt ihren Jungen ins Waisenhaus. Dort wächst er auf. Eine behütete Kindheit in liebevoller Familie bleibt Jakob Tobias also versagt. Jahre später finden sich seine Spuren in Berlin wieder. Er ist inzwischen Kaufmann geworden, hat 1920 mit 43 Jahren die 15 Jahre jüngere Wally Strauch geheiratet. Zwei Monate später wird ihre Tochter Ruth geboren. Die Familie lebt in Cottbus. Wir erfahren nicht viel über ihr Dasein. Es mag ruhig gewesen sein, bis mit dem Faschismus das Unglück über sie hereinbricht. Seit knapp 20 Jahren sind sie 1939 in der Stadt, Jakob Tobias ist bekannt und geachtet. Aber ihn quält seit Jahren ein Nervenleiden. Es hat ihn vorzeitig altern lassen, ist Ursache einer extremen Zerstreutheit. Hinzu kommt erhebliche Schwerhörigkeit. So legt es Rechtsanwalt Hammerschmidt im Oktober 1939 in einem Schreiben an das Cottbuser Amtsgericht dar. Denn der Kaufmann ist in Schwierigkeiten. Er hat gegen den Kennkartenzwang verstoßen. Alle männlichen Staatsbürger mussten damals eine Kennkarte haben. Jüdische Bürger hatten im amtlichen Verkehr stets die Karte vorzulegen und auf ihr Judentum hinzuweisen. Das hatte Jakob Tobias versäumt. Die Folgen sind verheerend. Im Schutzhaftbefehl wird ihm vorgeworfen, dass er "unter Verschleierung seiner Zugehörigkeit zum Judentum … die Verordnung über die Ausgabe von Bezugsscheinen zu umgehen versucht, Unruhe in die Bevölkerung hineinträgt". Hammerschmidt kann nicht mehr helfen. Aus der Haft im Cottbuser Gefängnis wird Jakob Tobias am 14. Februar 1940 ins KZ Sachsenhausen deportiert. Drei Monate später stirbt er im Lager. "Kreislaufschwäche" steht auf dem Totenschein. Auf dem Cottbuser Jüdischen Friedhof findet man sein Grab. In der Hubertstraße 6 erinnert ein Stolperstein an sein Schicksal.

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Quellen: AG Stolpersteine, Gudrun Breitschuh-Wiehe, Stadtarchiv, Akten H. Hammerschmidt