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| 18:24 Uhr

Menschenrechtszentrum Cottbus
„Unerträglich, was die Justiz da macht“

Prominenter Besuch: Siegmar Faust (r.) zeigt Liedermacher Wolf Biermann (l.) und dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, im Zuchthaus in Cottbus eine „Tigerkäfig“ genannte Zelle.
Prominenter Besuch: Siegmar Faust (r.) zeigt Liedermacher Wolf Biermann (l.) und dem Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, im Zuchthaus in Cottbus eine „Tigerkäfig“ genannte Zelle. FOTO: Bernd Settnik
Cottbus. Nach Hohenschönhausen suspendiert auch die Cottbuser Gedenkstätte den Zeitzeugen Siegmar Faust. Von Simone Wendler

Er war einer der bekanntesten politischen Häftlinge in Cottbus. Keiner saß zu DDR-Zeiten im Cottbuser Knast 400 Tage in Einzelhaft wie er. 1976 kaufte ihn die Bundesrepublik frei. Jetzt ist Siegmar Faust dabei, seine Rolle als Zeitzeuge nicht nur in der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, sondern auch im Menschenrechtszentrum in Cottbus zu verlieren.

An beiden Erinnerungsorten darf Faust „bis auf Weiteres“ nicht mehr bei der Betreuung und Führung von Besuchergruppen tätig werden. Der Vorstand des Cottbuser Menschenrechtszentrums, in dem Faust als Beisitzer tätig ist, wird auf seiner nächsten Sitzung in einer Woche über den Fall beraten. Das kündigte Vereinschef und CDU-Landtagsabgeordneter Dieter Dombrowski auf Nachfrage an. Grund sind Äußerungen von Faust vor wenigen Tagen gegenüber einem Berliner Journalisten, mit denen er den Holocaust relativierte. Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ brachte Faust bei einem Treffen in Hohenschönhausen von selbst das Gespräch auf den mehrfach verurteilten Holocaust-Leugner Horst Mahler.

Er habe keine Sympathie für Mahler, zitiert die Zeitung Faust, doch er finde es „unerträglich, was die Justiz da macht“. Mahler werde mit einer langen Haft für ein „Meinungsdelikt“ härter bestraft als Ex-Stasi-Chef Erich Mielke für einen Mord. Und Siegmar Faust soll gefragt haben: „Ist die Zahl sechs Millionen heilig?“

Außerdem soll er noch über die Verbrechen der Nazizeit gesagt haben, dass das irgendwann mal „ein bissel aufhören“ müsse. Man dürfe es „nicht übertreiben“. Diesen Satz bestreitet Faust inzwischen.

Auf Nachfrage der RUNDSCHAU legt Faust sich nicht fest, ob er gefragt hat, ob die Zahl der ermordeten Juden, sechs Millionen, „heilig“ sei.: „Ich will nicht bestreiten, dass ich so etwas gesagt haben könnte.“ Die Kritik an der langen Haft des notorischen Holocaust-Leugners Horst Mahler hält er dagegen aufrecht. Warum er das Gespräch mit dem Berliner Journalisten überhaupt auf Mahler gebracht habe, weiß er nicht mehr.

Dem Journalisten der „Berliner Zeitung“ unterstellt er jedoch im selben Amtemzug, ihm etwas anhängen zu wollen: „Das sind diese verlogenen linken Journalisten, die uns ihre Meinung überstülpen wollen“, wütet er los. Lügenpresse eben. Mit der Geschichte im „Spiegel“ habe das nicht geklappt.

Im Januar hatte das Nachrichtenmagazin beschrieben, wie mehrere prominente ehemalige Bürgerrechtler und politische Gefangene der DDR inzwischen im rechtspopulistischen Milieu von AfD und Pegida ihre politische Heimat gefunden haben, darunter auch der inzwischen 73-jährige Siegmar Faust.

Jens Gieseke, Historiker am Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung und Mitglied im Beirat der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, beobachtet diese Entwicklung schon länger als deutliche Tendenz.In einigen ehemaligen Gefangenen habe die Hafterfahrung in der DDR einen ungebremsten Hass auf alles Linke hervorgebracht, so eine Vermutung Gieseckes für mögliche Ursachen dieser Entwicklung. Nach ihrem Freikauf hätten Häftlinge im Westen ein großes Desinteresse an ihrer Leidensgeschichte erlebt.

„Früher fanden sie sich vielleicht im christlich-konservativen Spektrum aufgehoben, jetzt gibt es mit der AfD ein neues Angebot“, so der Historiker. Das führe bis in Grenzsituationen, wie jetzt die Äußerungen von Siegmar Faust.

Die Gedenkstätten seien herausgefordert, sich damit auseinanderzusetzen, sagt Gieseke. Ihr Auftrag sei klar an demokratische Werte gebunden. Geschichtsrevisionismus sei damit unvereinbar. Denn an mehreren Gedenkorten werde an die Verbrechen der Nazizeit und an die politische Verfolgung in der DDR erinnert. Das Menschenrechtszentrum Cottbus, eine Haftanstalt für politische Gefangene unter den Nazis und in der DDR, ist dafür ein Beispiel.

Der Historiker Gieseke erwartet, dass die begonnene Diskussion  über den aktuellen Fall Faust hinaus weitergehen wird. Wie der Vorstand des Cottbuser Menschenrechtszentrums in einer Woche mit Siegmar Faust umgehen wird, ist schwer abzusehen. Vereinsvorsitzender Dieter Dombrowski verweist zunächst darauf, dass Siegmar Faust in einer Stellungnahme die Äußerungen bestritten habe.

Die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen hatte in einer Erklärung vom Wochenende darauf verwiesen, dass die zitierten Äußerungen von Faust geeignet seien, das Anliegen der Aufarbeitung der SED-Diktatur massiv zu beschädigen. Die Mehrheit der ehemaligen politischen Gefangenen der DDR teile die Positionen von Siegmar Faust nicht. Ob das so ist, werden vielleicht Reaktionen aus diesem Personenkreis in den nächsten Tagen zeigen.