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Fastnachtsstrauß und Erntekranz

Das Johannisreiten gehört zu den imposanten Traditionen des wendischen Kulturraums.
Das Johannisreiten gehört zu den imposanten Traditionen des wendischen Kulturraums. FOTO: Schöler-Rensch
Zapust, Kokott, Johannisreiten – das wendische Brauchtum in der Niederlausitz lebt, wird von der Jugend weitergetragen und modifiziert. Die Stiftung für das sorbische Volk hat einen Film drehen lassen, der den Jahreskreis des wendischen Lebens nachzeichnet. Andrea Hilscher

Cottbus. Jeder Lausitzer hat sie, diese Bilder im Kopf: das Johannisreiten in Kasel. Hahnrupfen im Nachbarort. Und ist auch nicht bald wieder Straßenumzug der Jugend? Die wendischen Bräuche sind präsent im Alltagsleben der Region, doch eine aktuelle Dokumentation der Feste, Trachten und Tänze fehlte seit Langem. Die Stiftung für das sorbische Volk hat sich daher vor zwei Jahren gemeinsam mit der Domowina entschlossen, eine DVD zum Thema in Auftrag zu geben.

Stiftungsreferentin Sylke Laubenstein-Polenz: "Anfang der 90er Jahre produzierte Videos waren lange ausverkauft, außerdem ließ sich das Material nicht ins DVD-Material umwandeln." Also machte sich der Cottbuser Filmemacher Donald Saischowas mit einem jungen Team rund um die Kameraleute Clemenz Schiesko und Stefan Göbel ans Werk und fuhr ein Jahr lang mit ihnen über die Dörfer, besuchte alte und junge Sorben/Wenden, ließ sich ihre Bräuche erklären, filmte die oft langwierigen Vorbereitungen und verknüpfte historische Einordnungen klug mit opulenten Bildern, kleinen Erzählungen und Tänzen, die ebenso selbstverständlich zu traditioneller wie zu moderner Musik passen.

Sylke Laubenstein-Polenz: "Wir zeigen den Jahreskreis. Vom Zapust, über die Osterbräuche, das Johannisreiten, Hahnschlagen und -rupfen bis hin zum Jänschwalder Christkind, wollen dabei nicht nur das Heute widerspiegeln sondern auch auf deren Entstehung und ursprüngliche Bedeutung eingehen. Eine spannende Aufgabe - wer macht sich schon bewusst, wie eng das Hahnrupfen, der Ehrentanz oder der erste Tanz mit den dörflichen Strukturen früherer Jahrhunderte, mit dem Machtgefälle zwischen Knechten und Gutsbesitzern und der fast rechtlosen Position junger Mägde zusammenhängt?

Mit Gerald Schön hat das Team einen zweisprachigen Moderator gefunden, der sowohl durch die deutsche als auch die sorbisch/wendische Filmfassung führt, eine englische Fassung kann ebenfalls dazugeschaltet werden. Optischen Halt gewinnt die Bilderflut durch immer wiederkehrende Szenen auf einem Vierseitenhof in Burg. Donald Saischowa: "Hier ist die Zeit wirklich stehen geblieben, ohne museal oder verkitscht zu wirken. Wir konnten einen realitätsnahen Einblick in das Leben der Bauern geben, die nicht alle Truhen mit Kostbarkeiten gefüllt hatten."

Musik von Matthias Kießling ("Wacholder") untermalt die stillen, nicht touristisch geschönten Szenen aus der Region, verhilft dem knapp 60-minütigen Film zu einer ganz eigenen Tonalität. Donald Saischowa: "Mit dem Film haben wir eine ethnologische Kultur-Doku geschaffen, quasi Terra X ohne großes Budget."

Für den Cottbuser eine bereichernde Möglichkeit, sich mit den Wurzeln seiner Heimat zu beschäftigen - und eine Rückkehr zu vertrauten Themenkreisen. Saischowa, über viele Jahre als Kameramann für die TV-Reihe "Schätze der Menschheit" in aller Welt unterwegs, kann jetzt überraschend einen Beitrag leisten, auch das regionale Kulturerbe zu Welt-Status zu verhelfen: Seit 2014 hat die deutsche Unesco-Kommission die "Gesellschaftlichen Bräuche und Feste der Lausitzer Sorben im Jahreslauf" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Der Film soll dazu beitragen den Schutzstatus für sorbisches/wendisches Brauchtum auch auf europäischer und weltweiter Ebene zu erhöhen.

Zum Thema:
Ab Dezember 2016 soll der Film "Fastnachtsstrauß und Erntekranz" in der sorbischen Kulturinformation Lodka als DVD zum Verkauf angeboten werden. Er ist auch für den Unterricht im Niedersorbischen Gymnasium vorgesehen.Zum Filmfestival ist er gleich zweimal zu sehen: am Samstag, 12. November, 14.30 Uhr im Obenkino und am Sonntag, 13. November, um 15 Uhr in der Kammerbühne.