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| 19:00 Uhr

Aus dem Gericht
„Es war keine blinde Raserei“

FOTO: LR / Wendler Simone
Cottbus/Werben. Familiendrama in Werben: Staatsanwalt fordert dreieinhalb Jahre Haft, die Verteidigung hält eine Bewährungsstrafe für ausreichend. Von Daniel Schauff

Als Bert K. am Montagmorgen den großen Saal im Cottbuser Landgericht betritt, ist es auf den Tag genau fünf Jahre her, dass er in den frühen Morgenstunden eines Sommertages seine Mutter, seinen Adoptivvater und seinen Halbbruder mit Messerstichen lebensgefährlich verletzte. Der Prozess gegen den heute 30-Jährigen steht kurz vor dem Ende – am Donnerstag wird das Urteil fallen. Die Anklage lautet auf versuchten Totschlag und gefährliche Körperverletzung. Trotzdem wird die Strafe für Bert K. vergleichweise gering ausfallen. Dreieinhalb Jahre Haft fordert die Staatsanwaltschaft – weil die Tat allerdings bereits fünf Jahre zurückliegt, sollen sechs Monate der Strafe bereits als verbüßt gelten. K.s Verteidiger hält eine Freiheitsstrafe von höchstens zwei Jahren auf Bewährung für ausreichend. Er geht davon aus, dass K. bereits während der Tat von seiner Tötungsabsicht Abstand genommen hat – damit käme nur eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung infrage. K.s Opfer waren alle lebensgefährlich verletzt.

Sowohl Staatsanwalt als auch Verteidiger gehen von einer verminderten Schuldfähigkeit K.s aus. Eine schwere Depression oder eine Persönlichkeitsstörung habe er bei dem Angeklagten nicht erkennen können, sagt ein Gutachter. Er hat den Prozess begleitet, hat kurz nach der Tat mit K. gesprochen, kurz vor Beginn des Prozesses noch einmal. Die Veränderungen, sagt der Gutachter, seien deutlich. K. hat zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen, gleich nachdem er auf seine Familie eingestochen hatte und einige Tage später, als er bereits in der Klinik behandelt wurde. K. verließ das Krankenhaus, warf sich vor einen Zug, verlor Finger seiner rechten Hand, scheiterte aber mit seinem Selbstmordversuch.

K. habe eine ungewöhnliche Beziehung zu seiner Mutter gepflegt, führt der Gutachter aus. Er sei immer bemüht gewesen, ihr alles recht zu machen, wollte ihr Vertrauter sein, wenn sie und sein Adoptivvater wieder einmal stritten. K. wollte Verantwortung für seine Mutter übernehmen, spürte aber auch, dass er darin versagen musste. Freunde oder eine Freundin zu finden, sei für ihn schwer gewesen. Bereits beim Studium in Magdeburg litt K. unter dem Stress, mit einem Umzug nach Dresden wurde die Belastung für den damals 26-Jährigen noch größer. Kurz nach dem Einzug in die neue Wohnung eskalierte ein Gespräch zwischen Sohn und Mutter am Küchentisch und K. griff zum Messer. Der Gutachter ist sich sicher: K. handelte im Affekt – hatte aber während der Attacke auf seine Familie eine gewisse Kontrolle über sich selbst. „Es war keine blinde Raserei“, sagt der Experte, nennt Beispiele: Seine Mutter wollte er nicht von hinten attackieren, die Nähe wollte K. nicht zulassen, stach deshalb von vorn auf die Kehle der Mutter ein. Erst als sein Adoptivvater einschritt, hatte K. keine Kontrolle mehr über die Situation. Juristisch bedeutet das: Schuldunfähig ist Bert K. nicht, eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund seiner Anpassungsstörung – so nennt es der Gutachter – könne aber eine Rolle spielen.

FOTO: dpa / Patrick Pleul

Staatsanwalt und Verteidiger folgen der Einschätzung in ihren Plädoyers. Eine Gefahr, sagt der Gutachter, gehe von Bert K. nicht mehr aus. Er habe es geschafft, sich von seiner Mutter zu lösen, Beziehungen mit Frauen zu führen, sein Studium zu beenden. Keiner der Opfer habe bleibende Schäden von der Schreckensnacht davongetragen, argumentiert K.s Verteidiger. Der einzige, der mit körperlichen Nachwirkungen leben müsse, sei sein vom Suizidversuch gezeichneter Mandant. Der wendet sich auch noch einmal ans Gericht, spricht von einer schweren Schuld, für die er Verantwortung übernehmen müsse. Er hoffe aber, dass das Gericht ihm die Möglichkeit gebe, seinen eingeschlagenen Lebensweg weiter zu gehen.