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Familien
Geschlagen und verwahrlost

André Schneider
André Schneider FOTO: Hilscher
Cottbus. Immer mehr Kinder in Cottbus leben in zerrütteten Verhältnissen. Von Andrea Hilscher

Kindeswohlgefährdung ist die bürokratische Umschreibung für unhaltbare Zustände innerhalb von Familien. Hinter dem nüchternen Begriff verbergen sich vernachlässigte, geschlagene, missbrauchte Kinder oder Jugendliche, die dringend auf Schutz und Hilfe angewiesen sind. Ihre Zahl ist in den letzten Monaten drastisch angestiegen. Wurden im Januar 2017 noch 29 Kindeswohlgefährdungen im Cottbuser Jugendamt gemeldet, lag die Zahl im Januar 2018 schon bei 72.

André Schneider, Leiter des Jugendamtes: „Wir können uns diesen Ansteig noch nicht wirklich erklären.“ Zum einen sei die Zahl der Kinder in der Stadt in den letzten Jahren gestiegen, zum anderen gebe es eine höhere Sensibilität bei Nachbarn, Familienangehörigen, in Schulen und Kindergärten. Auch bundesweit gibt es offenbar mehr Gefährdungsmeldungen als früher. „Aber all das reicht nicht, um den hohen Anstieg zu verstehen.“ Im Jahr 2016 wurden dem Jugendamt 423 Gefährdungen gemeldet, im Folgejahr waren es 630. In den ersten zwei Monaten diesen Jahres mussten die Mitarbeiter im Sozialen Dienst schon 174 Meldungen bearbeiten. Mit dem Anstieg der Flüchtlingszahlen habe das nichts zu tun. „Hier geht es ausschließlich um deutsche, langjährig ansässige Familien“, so Schneider. Jede Meldung muss im Vier-Augen-Prinzip von zwei Mitarbeitern des Amtes geprüft werden – bei täglich vier Meldungen sind also acht Mitarbeiter Tag für Tag damit befasst, das Gefährdungsrisiko für Kinder abzuschätzen, es folgen Recherchen bei Ärzten, Kitas, Lehrern.

Die Klärung möglicher Gefährdungssituationen hat im Jugendamt absolute Priorität, andere Aufgaben mussten in den letzten Wochen zurücktreten. „Auch, weil wir zahlreiche Dauerkranke haben“, so Schneider. Er hat jetzt drei neue Stellen für sein Amt beantragt.

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