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| 19:17 Uhr

Familien
Beitragsfreies Kita-Jahr in Cottbus macht nicht jeden glücklich

Cottbus. Ab August soll das letzte Kita-Jahr für Kinder in Brandenburg beitragsfrei sein. Doch die Umsetzung wird schwierig. Der erwartete Jubel in der Lausitzmetropole Cottbus über das neue Gesetz ist verhalten. Von Andrea Hilscher

In vielen Cottbuser Familien haben die Sektkorken geknallt, als die Landesregierung ihren Gesetzentwurf für ein beitragsfreies Kita-Jahr auf den Tisch gelegt hat: Ab August müssen die Eltern von mehr als 800 Fünf- und Sechsjährigen nichts mehr für die Betreuung ihrer Kinder zahlen. Theoretisch stimmt das. Praktisch gilt es, noch einige Hürden zu überwinden. André Schneider, Leiter des Cottbuser Jugendamtes, sagt: „Die Zeit bis August ist knapp und es wird schwierig, bis dahin alle nötigen Änderungen zu beschließen.“

Es sei unbestritten sinnvoll, Familien zu entlasten, so Schneider. Dennoch sieht er das beitragsfreie Kita-Jahr kritisch. Für die Verwaltung, die Träger und sogar für die Eltern könnten sich aus der Neuregelung negative Konsequenzen ergeben.

Problematisch für die Träger: Sie bekommen ab August pro Kind im letzten Kitajahr eine Pauschale von 115 Euro. André Schneider: „In 45 Prozent der Einrichtungen liegen die tatsächlich eingenommenen Elternbeiträge darunter, 55 Prozent der Einrichtungen bekommen allerdings aktuell mehr Geld.“ Für sie gibt es die Möglichkeit, entgangene Gelder durch Einzelabrechnungen einzufordern – ein aufwendiger Weg, der Personal bei Trägern und Verwaltung bindet. Der Städte- und Gemeindebund fordert daher schon jetzt eine höhere Pauschale.

Problematisch für die Eltern: Derzeit gehen über die Hälfte aller Kita-Kinder länger als acht Stunden in die Einrichtung. Ist das letzte Jahr beitragsfrei, könnte dieser Anteil noch deutlich ansteigen. Höhere Personalkosten durch längere Betreuungszeiten werden aber durch das Land nicht gedeckt, sodass letztlich die Qualität in den Einrichtungen sinken könnte. Grit Meyer (Paritätischer Wohlfahrtsverband): „Wir sind enttäuscht. Eltern und Kinder spüren in der täglichen Arbeit, dass wir für die Betreuung von mehr als acht Stunden dringend zusätzlich Personal einsetzen müssten.“ Wären Personal- und Betreuungsschlüssel endlich dem tatsächlichen Bedarf angepasst werden, könnten die Cottbuser Einrichtungen insgesamt 50 neue Mitarbeiter einstellen. Grit Meyer: „Wir haben viele Eltern mit geringen Einkommen, die ab August nur um geringe Beiträge im Monat entlastet werden. Sie hätten sicher mehr von einer besseren Personalausstattung.“

Problematisch für die Verwaltung: Der steigende Verwaltungsaufwand wird auch hier weiteres Personal binden. Schon jetzt müssen die Rathaus-Mitarbeiter mit fünf verschiedene Säulen der Kita-Finanzierung jonglieren – für Außenstehende kaum noch nachvollziehbar.

Ein weiteres Problem bleibt von dem neuen Gesetzentwurf unberührt: die schwammige Formulierung zum Elternanteil an der Essensversorgung. Dieser liegt derzeit in der Höhe der „durchschnittlich ersparten Eigenaufwendungen“, eine Festsetzung, gegen die zahlreiche Eltern bereits geklagt haben. In Cottbus liegt dieser Betrag derzeit bei 1,83 Euro pro Tag. André Schneider: „Hätte man das Essen für die Kita-Kinder kostenlos gemacht, würden alle Familien davon profitieren – und der Aufwand wäre deutlich geringer als der für das beitragsfreie Jahr.“ Arlett Anderßen, Mitglied im Cottbuser Elternbeirat, ist anderer Meinung. „Wäre mein Kind Zuhause, müsste ich ihm auch Essen kochen. Ich finde das beitragsfreie Jahr sehr gut. gerade, wenn man mehrere Kinder in der Einrichtung hat, ist es eine tolle Entlastung.“