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Drohende Räumung in Cottbus
Sieben Kinder, Küche, Bad

Daniela und Peter Jahnke in ihrem gemieteten Haus in Cottbus. Am 30. Dezember 2017 soll die Familie mit sieben Kindern nach dem Streit mit ihren Vermietern zwangsweise ausziehen.
Daniela und Peter Jahnke in ihrem gemieteten Haus in Cottbus. Am 30. Dezember 2017 soll die Familie mit sieben Kindern nach dem Streit mit ihren Vermietern zwangsweise ausziehen. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Eine große Familie aus Cottbus mit sieben Kindern erlebt alltägliche Armut und seit über einem Jahr Probleme mit dem Vermieter als Schikane. Nun droht der Familie die Obdachlosigkeit - noch vor Silvester 2017. Von Oliver Haustein-Teßmer

Früher Nachmittag. Nach dem Klingeln an der Hoftür zieht jemand im ersten Stock des alten Siedlungshauses in Gallinchen die Jalousie hoch. Ein kleiner Junge guckt aus dem Giebelfenster - und grinst. Kurz darauf macht Peter Jahnke das Tor auf. Hier wohnt der 59-Jährige mit seiner Frau Daniela (32) und sieben Kindern. Zwei Mädchen, fünf Jungs, im Alter zwischen zwei und 13 Jahren.

Am 30. Dezember müssen Jahnkes das Haus verlassen, Räumung heißt das. Fünf Zimmer auf 180 Quadratmetern zur Miete, im Erdgeschoss ein großes, mit gebrauchten Möbeln eingerichtetes Wohnzimmer. Offene Küche, Laminatboden. Ein paar Tage vorher steht in einer Ecke der geschmückte Weihnachtsbaum, darunter räkeln sich zwei Katzen.

Daniela Jahnke ist eine schlanke Frau in Jeans, mit Langarm-Shirt und zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren. Sie spricht über vier Mietkündigungen und drei erfolglose Versuche, sich dagegen mithilfe von Anwälten zu wehren. „Wir hätten selbst schon längst aufgegeben, wenn nicht die Kinder wären“, sagt ihr Ehemann Peter – schütteres Haar, Mehrtagebart, eine Brille auf der Nase und eine fürs Lesen auf die Stirn geschoben. Er sieht müde aus.

Durch die eigene Kneipe verschuldet

Sieben Kinder im Kita- und Schulalter halten auf Trab. Es gab nicht für alle Plätze in derselben Kita oder Grundschule. Viel Fahrerei, sagt der Vater. Auf dem Hof steht ein älterer Fiat-Kleinbus. Seine Frau, eine Kellnerin, und der ausgebildete Nachrichtentechniker lernten sich in der Kneipe kennen, die Peter Jahnke in Cottbus sechseinhalb Jahre lang betrieb. „Die Schulden zahle ich heute noch.“

Heute leben sie von Hartz IV und Minijobs. Daniela Jahnke kellnert ab und zu. Ihr Mann hat gerade die Probezeit bei einer Baufirma nicht überstanden. Die Miete zahlt das Amt. Hinterm Haus der Jahnkes liegt der Garten, 1800 Quadratmeter. Im Holzhäuschen hat Peter Jahnke wegen des Besuchs den größeren der beiden Hunde eingesperrt. Die Familie hatte im Garten ein Klettergerüst errichtet, ein Carport wurde aufgestellt. Steine fürs Pflaster lagen bereit. Da war noch der Sohn des heutigen Vermieter-Ehepaars ihr Vermieter; er starb 2016 bei einem Autounfall.

„Danach wurde alles anders“, sagt Daniela Jahnke. Spielgerät und Carport hätten sie abbauen müssen. Hausverwalterin Lydia Somborn, eine Immobilienmaklerin, sagt am Telefon, dass es mehrere Vorfälle gegeben habe, die zu den Kündigungen und zum gerichtlichen Vergleich mit Räumungsbeschluss im Juli führten. Daniela Jahnke sagt, dass sie eine Monatsmiete einbehalten habe - nach Streit um Kosten für Pflastersteine. Weitere Kündigungsgründe nennt sie Schikane.

SPD-Politiker: Stadt soll der Familie Haus kaufen

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Uli Freese kennt die Probleme der Jahnkes. Er schlägt vor, dass die städtische Wohnungsgesellschaft GWC den Vermietern das Haus abkaufen soll. Vergleichbare Häuser in Cottbus kosten mindestens 175.000 Euro. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) will anders helfen. Sprecher Jan Gloßmann sagt: „Der OB hat bei Bekanntwerden der Vorgänge sofort die zuständigen Fachbereiche angewiesen, sich um die Familie zu kümmern.“

Die Stadt habe den Vermietern vergeblich angeboten, den Mietrückstand zu übernehmen und der Familie Ausweichquartiere genannt. Zuletzt eine Fünf-Zimmer-Wohnung in Cottbus, Häuser in Guben, Welzow und im Kreis Dahme-Spreewald. In Cottbus hätten Jahnkes in zwei getrennte GWC-Wohnungen auf derselben Etage eines Plattenbaus einziehen können. Für die Stadt geht das angesichts drohender Obdachlosigkeit in Ordnung; sie hat ab und zu solche Fälle zu lösen. Die GWC hat im April 2017 für eine Familie mit acht Kindern zwei Wohnungen in einem Würfelhaus zusammengelegt.

Neuer Anwalt soll Räumung aufschieben helfen

Für Familie Jahnke erscheint dies so unmöglich wie der Vergleich mit der Hausräumung, den die Cottbuser Anwaltskanzlei Göpfert geschlossen hat. Dort heißt es sinngemäß, dass so ein Vergleich nur nach vorheriger Absprache mit Mandanten ausgehandelt werde und ratsam sei, wenn der Vermieter das Recht zur Kündigung habe. Mieter gewännen dadurch Zeit, um eine neue Wohnung zu suchen. Bei der Wohnungssuche würden auch die Ämter helfen.

Jahnkes brauchen Hilfe, wollen aber eine aus ihrer Sicht faire Lösung. „Die Kinder haben Angst, Cottbus zu verlassen“, sagt Daniela Jahnke. Sie wolle auch nicht weg. Am Mittwoch, 27. Dezember, versucht ein anderer Anwalt, die Räumung zugunsten der Familie aufschieben zu lassen.