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| 01:35 Uhr

Experten sagen für Cottbus Kneipensterben voraus

Steve Hempe will in seinem Restaurant „Paulaner“ gute deutsche Küche etablieren. „Der Trend geht weg von exotischen Speisen, hin zu qualitativ hochwertigem regionalem Essen“ , sagt er.
Steve Hempe will in seinem Restaurant „Paulaner“ gute deutsche Küche etablieren. „Der Trend geht weg von exotischen Speisen, hin zu qualitativ hochwertigem regionalem Essen“ , sagt er. FOTO: René Wappler
Cottbus gehört nach Auskunft des Gaststättenverbandes Dehoga zu den Städten mit der höchsten Dichte an Kneipen und Gaststätten je Einwohner in Deutschland – noch. Denn nach Ansicht von Fachleuten wird diese Branche in der Stadt in den kommenden Jahren einen deutlichen Einbruch erleben. Anzeichen dafür haben sich nach Auskunft der Stadtverwaltung bereits in den vergangenen Jahren vermehrt. Von René Wappler

Weiß eingedeckte Tische, heißer Schokoladenkuchen auf der Dessertkarte, ein abgetrennter Raum für Raucher – mit der Wiedereröffnung des Restaurants „Paulaner“ an der Sandower Straße sieht sich der 29-jährige Steve Hempe nach eigenen Worten für die Zukunft gerüstet. Ein Risiko? „Darüber will ich nicht nachdenken. Ich habe ein Konzept, das macht mich sicher.“
Schlag auf Schlag scheinen derzeit neue Gaststätten in Cottbus zu eröffnen – wie das Restaurant „Charlotte“ in der Stadtpromenade oder „El Mexico“ in der Berliner Straße.
Oder auch ein Lokal in der Nähe des Cottbuser Staatstheaters, das derzeit nur an den Wochenenden öffnet, aber nach Auskunft von Inhaber Niko Siklunow ab 30. August täglich ab 19 Uhr Gäste empfangen soll: Das Restaurant „Mangold“ werde den Besuchern neben kulturellen Veranstaltungen eine Mischung mediterraner und gehobener regionaler Küche bieten.
Neues Leben in der einstigen Stimmungskneipe: Der Cottbuser Dirk Wölln hat am Schlosskirchplatz in den Räumen vom früheren „Pflaumenbaum“ vor wenigen Wochen ein Restaurant etabliert, das, wie er sagt, mit einer „kleinen Karte mit vielen Kräutern aus dem regionalen und saisonalen Angebot“ aufwartet.
Doch der beträchtlichen Zahl der Gewerbeanmeldungen steht nach Auskunft des Fachbereichs für Gewerbeanlegenheiten bei der Stadtverwaltung seit mehreren Jahren eine größere Zahl von Abmeldungen gegenüber. So zitiert Mitarbeiter Gunter Große die Statistik: Im Jahr 2006 habe es 82 Neugründungen und 87 Abmeldungen in der Branche gegeben, im Jahr 2007 82 Neugründungen und 83 Abmeldungen, von Januar bis April 2008 15 Neugründungen und 19 Abmeldungen. „Die Zahl der Gas tronomiebetriebe sinkt also stetig“ , berichtet Große. „Noch schrumpft diese Branche allerdings auf sehr hohem Niveau.“ Denn 7,11 Prozent aller Gewerbebetriebe in Cottbus betätigen sich nach seinen Worten in der Gastronomie – das seien derzeit 580 Unternehmen.
Dazu zählen laut Statistik überwiegend Ein-Mann-Betriebe – wie die „Nordkurve“ am Oberkirchplatz, in der Jörg Heinze seine Gäste mit Fußballfernsehen und deftiger Kost wie Rostbratwurst und Leberkäse unterhält. Noch sieht er sich gut im Geschäft. „Doch wenn der Nichtraucherschutz wirklich in seiner vollen Härte zuschlagen sollte, könnte ich wohl dichtmachen – 95 Prozent meiner Besucher sind Raucher.“ Um diese Klientel nicht zu verprellen, hat auch Steve Hempe sein Restaurant in der San dower Straße mit einem Raum für Raucher ausgestattet. „Allerdings merke ich, dass sich dort die Leute am liebsten zum Trinken hinsetzen. Die Raucher nehmen Speisen neuerdings am liebsten im Saal für Nichtraucher ein.“ Von einer „ambivalenten Erfahrung“ mit dem Nichtraucherschutz spricht Niko Siklunow, der in seinem Lokal „Zelig“ in der Friedrich-Ebert-Straße ebenfalls einen Raucherraum eingerichtet hat. „Manche finden diesen Schutz toll, andere sträuben sich dagegen. Die Terrassensaison, in der die Leute draußen sitzen dürfen, schiebt dieses Problem ein wenig in Richtung Herbst, aber dann dürfte es spannend werden, was die Umsätze der Cottbuser Gaststätten betrifft.“
Neben dem Nichtraucherschutz werden nach Auskunft des Cottbuser Kreisvorsitzenden des Gaststättenverbandes Dehoga, Olaf Schöpe, in Zukunft viele weitere Faktoren für ein Schrumpfen der Cottbuser Kneipenlandschaft sorgen. „Die Stadt verliert stetig an Einwohnern – das hat natürlich über kurz oder lang Folgen für die Restaurants.“ Zudem suchen nach Erfahrung des Cottbuser „Waldhotel“ -Chefs Schöpe viele angehende Unternehmer aus Mangel an Alternativen ihr Glück im Gastgewerbe – um bald wieder zu scheitern. „Deshalb erleben wir auch so umfassende Umbrüche in dieser Branche.“ Das Fazit des Dehoga-Mannes lautet: „Der Konkurrenzdruck wird wachsen, aber Qualität bleibt am Markt.“ Gunter Große von der Stadtverwaltung schließt sich diesem Urteil an: „Geschäfte mit einem anspruchsvollen Nischen-Sortiment haben die besten Überlebenschancen.“