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Cottbus
Europaschule baut Brücken

In der Deutschstunde bei  Dagmar Klausnitzer werden auch diese Kinder mit ausländischen Wurzeln  optimal gefördert.
In der Deutschstunde bei Dagmar Klausnitzer werden auch diese Kinder mit ausländischen Wurzeln optimal gefördert. FOTO: Elsner / LR
Cottbus. 94 Kinder mit ausländischen Wurzeln lernen an der Regine-Hildebrandt-Grundschule. Von Ulrike Elsner

Für Fariba, Rafif, Hussam und ihre Freunde von der Fördergruppe 3 im Fach Deutsch als Zweitsprache dreht sich heute alles um  „Frau Holle“.  Ein Märchenprojekt ist angesagt. Die Kinder lesen gemeinsam, beantworten die Fragen ihrer Lehrerin Dagmar Klausnitzer und malen Wortschatzwolken. Die 9- bis 13-Jährigen sind mit ihren Eltern aus Afghanistan oder Syrien geflohen und  haben in Cottbus ein neues Zuhause gefunden. Sie können sich inzwischen schon gut in der anfangs fremden Sprache verständigen  und lernen jeden Tag etwas dazu.

An der Europa-Grundschule „Regine Hildebrandt“ in Sachsendorf lernen 80 Kinder von Geflüchteten. Bei insgesamt 446 Schülern bedeutet das rund vier Einzugliedernde je Klasse. Insgesamt werden zurzeit 94 Kinder mit ausländischen Wurzeln hier unterrichtet. Sie kommen aus 18 Nationen, 33 aus Syrien, jeweils zwölf aus der russischen Föderation und aus Afghanistan, vier aus Serbien und drei aus Griechenland. Die  Herkunftsländer Irak, Iran, Aserbaidschan, Bosnien/Herzegowina, Estland, Libanon, Moldawien, Philippinen, Polen, Slowakei, Somalia, Türkei und Vietnam machen das multikulturelle Spektrum komplett.

An die Pädagogen stellt das besondere Anforderungen. „Die Kinder haben unterschiedliche, teilweise keine Erfahrungen mit Schule, Lernen und sozialem Miteinander gemacht“, weiß Schulleiter Lothar Nagel. Hinzu kommen gerade bei Flüchtlingskindern häufig traumatische Erfahrungen. Die Folge sind oft andere Konfliktlösungsstrategien, was  zu Problemen führt.

Lothar Nagel plädiert für das natürliche Recht jedes Kindes auf Bildung und für Transparenz. Er sagt: „Es geht darum, auf alle Fragen einzugehen und nichts zu beschönigen.“ Und: „Jeder hat das Recht auf eine faire Behandlung und eine ehrliche Antwort.“ Dazu gehört auch, die gültigen Normen durchzusetzen. Dabei helfen Konfliktlotsen. Meist schreiten die Kinder allerdings selbst ein.  Sie stärken damit ihre eigenen Kompetenzen.

Dagmar Klausnitzer, die als erste Cottbuserin die zweijährige Zusatzausbildung zur Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache absolviert hat, sieht in dem Miteinander der Nationen weiteres Potenzial für die Entwicklung aller Beteiligten.  „Wenn leistungsstarke Kinder mit fremdsprachigen Kindern den Stoff wiederholen, lernen sie selbst eine Menge“, sagt sie.  „Und sie kommen häufig auf neue Ideen.“ Manches Vorurteil deutscher Eltern konnte ausgeräumt werden, weil Chancengleichheit ein wichtiger Grundsatz der pädagogischen Arbeit ist. So gibt es nicht nur für fremdsprachige Kinder mindestens zwei Stunden Deutsch am Tag, sondern  auch Förderunterricht für besonders  leistungsstarke Schüler.

Für die Integration der Flüchtlingskinder haben die Lehrer der Hildebrandt-Grundschule einen eigenen Slogan geprägt. Er lautet: „Wir bauen eine Brücke.“ Das bedeutet  vertrauensvolles Miteinander statt Konfrontation. So ist Schwimm­unterricht an der Grundschule auch für muslimische Mädchen Pflicht, wie der Schulleiter betont. Andererseits müssten im Ramadan nicht unbedingt eine zweistündige Mathearbeit oder ein Ausdauerlauf angesetzt werden.

Zur  speziellen Förderung von Kindern mit ausländischen Wurzeln gehört  nicht nur ein qualifizierter Sprachunterricht, sondern auch die Vermittlung von Kultur. So hat Dagmar Klausnitzer mit ihren Schülern ein Energie-Spiel besucht. Alle haben an einem Geschichtsprojekt in der Martinskirche teilgenommen. Und sie haben die Weihnachtsgeschichte in ihrer Muttersprache gelesen. Rund 50 unterschiedliche Freizeitangebote gibt es an der Hildebrandt-Schule. Das reicht vom Reiten übers Singen im Sachsendorfer Kinderchor und Töpfern bis zur Logopädie. Und wenn Sami (10) aus Syrien von der  „Peter Pan“-Vorstellung im Staatstheater oder vom Besuch im Stadtmuseum spricht, leuchten seine Augen.

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