ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 01:00 Uhr

Eselsbrücken und Knoten im Taschentuch

Ein Memory-Mobil ist kein Oldtimer, der an die Kinderstube der Autoindustrie erinnert, sondern ein Gefährt, in dem Gedächtnisleistungen getestet werden. Es lud die Teilnehmer am Cottbuser Psychiatrietag ein, der sich dem Thema „Umwelten für Demenzkranke“ verschrieben hatte. Wenn das Gedächtnis eines Menschen über alle Maßen nachlässt, liegt der Verdacht einer Alzheimer- oder anderen Demenzerkrankung nahe. Von Klaus Wilke

Der Gedächtnistest nun also. Ein halbes Dutzend Lebensfilme begannen in mir zu flimmern, man erinnert sich ja nicht an alles zugleich. Es gibt schöne Filme, in denen wir alles Angenehme aneinanderreihen düstere, die böse und traurige Erlebnisse in einen Zusammenhang bringen. Andere „drehen“ wir an ausgewählten Orten unseres Lebenslaufes oder mit bestimmten Hauptpersonen.

Kinosaal des Gedächtnisses
Es kamen mir die Holzeisenbahn unter dem Weihnachtsbaum 1944 und die zehn Tage im Güterzug im Frühsommer 1945 nach der Aussiedlung aus Sudetendeutschland in den Sinn, der lange, lange Schulweg mit der Zuckertüte in Leipzig bildete sich ab, der sich heute als so kurz erweist, die Freude mit Büchern, zuvorderst Lisa Tetzners auch heute noch verlegte wunderbare Odyssee „Die Kinder aus Nr. 67“ . Unglaublich, wie viel wir in unserem Gedächtnis aufbewahren. Man sollte sich, denke ich da, auch solche „Filmvorführungen“ zur regelmäßigen Übung machen.
Der Gedächtnistest aber, man ahnt es schon, schert sich nicht darum. Er sucht Messbares, das den Vergleich erlaubt. Ist ja auch klar, im Alltag zählen nicht Kindheits- und Jugenderlebnisse, die sich unterscheiden wie unsere Fingerabdrücke. Wir müssen Wörter und Worte speichern, uns Zahlen und Fakten merken. Im Memory-Mobil sitzt Dr. med. Andreas Pietzko. Der Cottbuser Facharzt für Neurologie und Psychiatrie leitet den Test. Er liest als erstes eine Liste von zehn Wörtern vor, von denen, ungeachtet der Reihenfolge, so viele wie möglich zu wiederholen sind. Das Gleiche erfolgt mit den gleichen Wörtern gleich noch einmal. Die zweite Aufgabe wird sich später als die leichteste herausstellen. Dabei sind mehrstellige Zahlen in Wörter und Wörter in Ziffern umzuwandeln.
In der dritten Aufgabe sind innerhalb einer Minute Dinge zu nennen, die man im Supermarkt kaufen kann. Da Einkaufen zu meinen Lieblingsbeschäftigungen zählt, brauche ich mir nur die Regale in Erinnerung zu rufen und die Dinge zu nennen. Dann muss ich Zahlenfolgen (bis zu sechs Stellen) in umgekehrter Reihenfolge aufsagen.
Meine Strategie: Ich stelle mir die Zahlen an eine Tafel geschrieben vor und lese sie von hinten nach vorn ab.
Als Letztes kommt der Hammer: die Wortliste vom Anfang wiederholen, ohne dass sie noch einmal vorgelesen wird. „Verzögerter Abruf“ nennt man das. Eine ganz schöne Anstrengung für die kleinen grauen Zellen, und ich merke, dass sie einiges schon in den Papierkorb der Erinnerung geworfen haben. Mein Fazit: zwar volle Punktzahl, aber in der Selbstkritik stelle ich fest, dass die Wortlisten ganz schön starker Tobak waren.
Was haben aber solche Tests für eine Bedeutung„ „Sie sind nicht Anfang, sondern Teil einer Diagnose“ , sagt Dr. Andreas Pietzko. „Wenn sich Vergesslichkeit und Gedächtnisstörungen zu Beschwerden auswachsen, die einer dem Arzt vorträgt, wird das ein ausführliches Gespräch zur Folge haben, in dem der Mediziner nach anderen Krankheiten fragt, weitere Symptome einer vermuteten (Demenz-)Krankheit, die Lebensumstände des Betroffenen, seine psychische Beschaffenheit, seine Stimmungen erkundet und Informationen zu Medikamenten-, Alkohol- und Drogenkonsum einholt. Dem schließen sich körperliche Untersuchungen an, und der Kopf wird geröntgt. Laborbestimmungen wollen möglichen Entzündungen sowie Hormon- und Vitaminmangelzuständen auf die Spur kommen. In all das ordnet sich der Gedächtnistest ein.“

100 000 km „Kabel“ im Gehirn
Der Facharzt rät zur steten Schulung des Gedächtnisses. Dieser gute Rat habe aber seine Grenzen in der allerdings noch weitgehend unerforschten Struktur und Arbeitsweise des Gedächtnisses. Es ist in den etwa 100 Milliarden Nervenzellen unseres Gehirns angesiedelt. Jede einzelne von ihnen ist mit 10 000 anderen Zellen verbunden. Das ist wie ein gigantisches „Kabelnetz“ von 100 000 km Länge. Entlang dieser Bahnen fließt Strom, und die einzelnen Nervenzellen können Botenstoffe aussenden, durch die sie mit anderen Zellen kommunizieren, sich vernetzen. Jeder Gedächtnisinhalt entspricht einem bestimmten Netzbild. Bei Demenzkranken sterben aber in großer Zahl Nervenzellen ab und können nicht wiederhergestellt werden. Das erklärt, warum viele Gedächtnisinhalte verloren gehen: Die Kombination der Nervenzellen, auf denen sie beruhen, ist irreparabel verloren.

Das muss wissen, wer mit einem Demenzkranken in der Anfangsphase der Krankheit noch Gedächtnis trainieren will. Was nicht da ist, lässt sich logischerweise nicht mehr trainieren. Alle Aufmerksamkeit richtet sich deshalb auf die noch erhaltenen Nervenzellen. Deren Tätigkeit wird mit Medikamenten gefördert. Diese stärken die Zellen und regen sie an, mehr Botenstoffe auszusenden, was oft eine etwas größere Vernetzung und etwas bessere Gedächtnisleistung ermöglicht.
Wie aber kann, wer gesund ist und bei obigem Gedächtnistest (er ist nur einer von vielen, die Ärzte anwenden können) volle Punktzahl erreicht hat, sein Gedächtnis trainieren“ Prof. Dr. Eva-Maria Neumann vom Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Lausitz, die sich seit 20 Jahren mit Demenzkrankheiten beschäftigt und die Alzheimer-Gesellschaft in Berlin und Brandenburg mit gegründet hat, weiß viel Rat. Zwei Sachen sind wichtig: „Fernsehen allein reicht nicht, weil der Zuschauer nur aufnimmt und sich mit dem Stoff kaum geistig auseinandersetzt.
Zum anderen sollte, wer den Geist trainiert, seinen Körper nicht vergessen. Körperliche Bewegung ist motorische Übung, die die Durchblutung auch des Gehirns fördert.“ Am besten sei eine Wanderung, bei der man sich die Vögel und/oder Bäume merkt, die man gesehen hat. Die Krone setzt dem Erlebnis auf, wer zu Hause nachschlägt und den Vogel oder den Baum bestimmt, den er nicht kannte.
Wer nur dem Rechner vertraut, wird den Umgang mit Zahlen verlernen und sein Zahlengedächtnis verlieren. Kreuzworträtsel zu lösen sei ein löbliches Unterfangen, trainiert aber nur das Langzeitgedächtnis. Besser wirkten Strategiespiele wie Schach oder Skat, die auf Voraussicht und Vorausberechnung, auf persönlichem Plan und einem exakten Kurzzeitgedächtnis beruhen.
Wie vielseitig, denk- und gedächtnisschulend gerade diese beiden Spiele sind, bemerkt man daran, dass die 32 Schachfiguren während des Spiels in 2 mal 10 hoch 43 (2 mit 43 Nullen) verschiedene Stellungen kommen können und es ein Vielfaches an Spielverläufen gibt, deren Zahl nach Mathematikerschätzungen die Zahl der Atome im Universum übertreffen soll. Ein Skatspieler müsste eine Milliarde Jahre ununterbrochen spielen, um alle möglichen Kartenverteilungen erlebt zu haben.

Heißer Draht zu den Enkeln
Oma und Opa tun auch gut daran, wenn sie SMS, Internet und Handy nicht als „neumodsches Zeug“ ansehen, sondern sich die Modalitäten ihres Gebrauchs aneignen, um mit ihren Enkeln mitreden und kommunizieren zu können. Ach ja, und dann gibt es ja auch noch die Eselsbrücken und den Knoten im Taschentuch. Letzterer erübrigt sich wohl, wenn man zusätzlich notieren muss, dass man und warum man den Knoten in das Tuch gemacht hat. Eselsbrücken kann sich jeder bauen, wie er will.
Da musste sich mal einer die Telefonnummer 2 51 84 93 merken. Er tat es so: Wenn zwei fünf Minuten eins sind und nicht acht geben, wissen sie in vier Wochen, ob sie in neun Monaten drei sind.