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| 02:34 Uhr

"Es geht uns um mehr Toleranz für Minderheiten"

"Cottbus, wie bist Du wirklich?" lautet das Motto des diesjährigen Christopher Street Day. Die RUNDSCHAU sprach mit Christian Müller von der Aids-Hilfe Lausitz darüber, wie er die Situation von Schwulen, Lesben und Transgender-Menschen in Cottbus einschätzt.

Christian Müller, wie ist Cottbus wirklich?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Einerseits ist Cottbus ganz vielfältig und vielschichtig. Auf der anderen Seite sehe ich noch viele Baustellen. So gehört zum Beispiel ein gleichgeschlechtliches Paar, das händchenhaltend durch die Straßen geht, noch nicht zum normalen Stadtbild. In Cottbus ist queeres Leben nicht sichtbar.

Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
Offenbar trauen sich viele Homosexuelle oder Transgender-Leute nicht, offen aufzutreten. Aus Gesprächen weiß ich, dass es Befürchtungen gibt, als nicht normal angesehen oder gar homophob beziehungsweise transphob angefeindet zu werden. Viele scheuen noch davor zurück, sich zu outen aus Angst, stigmatisiert zu werden.

Ist diese Angst in Cottbus berechtigt?
Zum Teil. Ich höre aber auch immer wieder, dass, wer sich outet, durchaus positive Erfahrungen macht und bei seinen Mitbürgern auf Akzeptenz stößt. Offenbar existieren auf beiden Seiten Vorurteile, die es abzubauen gilt.

Findet in Cottbus schwul-lesbisches Leben öffentlich statt?
So gut wie gar nicht. Es gibt keine Szene, die sich trifft. An der BTU gibt es einen Stammtisch, es gibt eine kleine queere Gruppe und auch die Aids-Hilfe Lausitz bietet die Möglichkeit, sich zu treffen. Doch dieses Angebot wird nur mager angenommen. Mir stellt sich die Frage: Brauchen wir einfach mehr Angebote für diese Zielgruppen oder braucht es ein Klima der Akzeptanz und des Verstehens? Eine Patentlösung, wie man die Situation verbessern könnte, habe ich nicht parat.

Wie ist denn die Akzeptanz, wenn sich queeres Leben wie beim CSD in der Stadt zeigt?
Von offizieller Seite begegnet man uns sehr offen. Oberbürgermeister Szymanski ist Schirmherr des diesjährigen CSD. Es gibt in Cottbus nie ein Problem, die Regenbogenfahne auf dem Rathaus zu hissen. Das ist nicht in jeder Stadt so. Und auch bei der Organisation des CSD bekommen wir von der Verwaltung jede Unterstützung, die nötig ist. Schön ist, dass sich 2012 erstmals auch Cottbuser Jugendgruppen an dem Projekt beteiligen. So ist aus dem CSD eine ganze Woche voller Aktionen geworden.

Wie reagieren die Cottbuser auf Ihre Kundgebungen?
Bis auf 2011 haben wir in den letzten drei Jahren nie Störungen erlebt. Es gibt keine Buhrufe, nur manchmal rümpft jemand die Nase. Aber das sind wir gewohnt. Wir erleben aber auch immer wieder Menschen, die nahe rankommen aber sich noch nicht trauen, richtig dabei zu sein. Diese Leute sprechen wir auch an.

Was ist das Anliegen des diesjährigen CSD in Cottbus?
Wir wollen nicht nur für mehr Akzeptanz für schwul-lesbisches und Transgenderleben werben. Es geht uns um mehr Toleranz für Minderheiten und Randgruppen im Allgemeinen. Die Cottbuser sollen sich die Frage stellen: Welche Haltung habe ich eigentlich selbst?

Mit Christian Müller sprach

Nicole Nocon