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| 19:47 Uhr

"Es geht darum, wie böse und wie schlecht der Mensch sein kann"

Urs Rechn.
Urs Rechn. FOTO: dpa
Das KZ-Drama "Son of Saul", in dem der Ex-Cottbuser Urs Rechn (37) als einer der Hauptdarsteller einen Oberkapo spielt, hat bei den Filmfestspielen von Cannes den Großen Preis der Jury bekommen. Der bemerkenswerte Debütfilm des jungen Ungarn László Nemes berichtet mit ungewöhnlichen filmischen Mitteln vom Horror des Konzentrationslagers Auschwitz.

Herr Rechn, vor dem Wettbewerb haben Sie gesagt, allein die Nominierung sei schon ein unerwarteter Erfolg. Jetzt ist es der zweitwichtigste Preis von Cannes geworden. Wie fühlt sich das an?
Es ist ja nicht nur der zweitwichtigste Preis. Die Jury hat ihren Großen Preis dem Film gegeben, den sie für den besten hält. Es ist übrigens einmalig in der Geschichte der Filmfestspiele, dass ein Debütfilm den Großen Preis bekommen hat. Außerdem gab es für den Film noch drei weitere Preise, darunter den Großen Preis der Internationalen Filmkritik. Die internationalen Zeitungen haben über uns berichtet von der New York Times bis zum Guardian. Frankreich war voll von unseren Fotos. Ganz Europa hat den Film sofort gekauft. Nur in Deutschland war das Echo verhalten.

Woran liegt das?
Vielleicht am vorsichtigen Umgang mit der eigenen Geschichte und einer gewissen Selbstzensur. Es geht aber darum, dass sich ein paar Leute in Deutschland des Films aus anderen Beweggründen annehmen als der Kritik an der eigenen Schuld.

In Cannes hieß es, so sei der Holocaust noch nie behandelt worden.
In Cannes war man überwältigt von dem völlig neuen Ansatz. Es geht nicht um die deutsche Schuld, sondern darum, wie böse und wie schlecht der Mensch sein kann und wie er sich unter solchen extremen Umständen zurechtfindet. Die Gräuel werden nicht gezeigt. Statt dessen hört man Fußgetrappel, Röcheln, Sterben. Man erkennt nur unscharfe Bilder. Mit dem Akustischen verbindet sich das zu einem Gesamtbild, wie es vorher noch nie wahrgenommen und in Cannes als Weg der Erkenntnis gewürdigt wurde.

Für uns ist wichtig: Wann kommt "Son of Saul" in die Kinos?
Unter den Verleihern gab es eine Riesenresonanz weltweit. Anfragen aus Deutschland kamen ganz zum Schluss. Am Ende hat Sony die Rechte bekommen. Ich hoffe auf einen Filmstart im Herbst.

Erzählen Sie ein wenig von Ihren Erlebnissen in Cannes. Wie war es als Newcomer unter den Stars?
Es war ein bisschen wie der Ossi in Paris. Ich hatte ja Zugang zu allen Festivalbereichen, habe hier mit Tom Hardy gesprochen und dort kurz was mit Benicio del Toro getrunken. Es hat einen Riesenspaß gemacht. Leider habe ich erst zwei Tage vor Abreise erfahren, dass ich jederzeit eine Limousine hätte bestellen können. So bin ich, weil die Taxis so teuer waren, anfangs jeden Tag die sechs Kilometer von meinem Hotel zum Festivaltheater und nachts die gleiche Strecke zurückgelaufen.

Was bedeutet dieser Erfolg für die Filmcrew?
Unser Regisseur László Nemes hat in Cannes jeden Tag Riesenangebote von Studios bekommen. Für ihn ist das der Eintritt nach Hollywood.

Und für Sie?
Natürlich muss ich die mediale Präsenz, besonders in amerikanischen und jüdischen Zeitungen, jetzt nutzen. Ich glaube aber nicht, dass gleich die ganz großen Angebote kommen, dafür war ich vorher zu unbekannt. Immerhin war die Rolle aber ein Riesenachtungserfolg. Nun versuche ich, auf dieser Welle zu schwimmen.

Mit Urs Rechn sprach

Ulrike Elsner