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| 01:00 Uhr

„Erwarte das Unerwartete“ fordert Frontsänger Birr

Cottbus.. „Ein zärtlicher Hasser; ein aggressiver Liebhaber; ein selbstbewusster Zauderer: Das alles war Brasch. Und einiges mehr“, schrieb Suhrkamp über den Schriftsteller. Zutreffen könnten diese Attribute auch auf den Potsdamer Musiker und Schauspieler Sebastian G. Birr. Kati Sprigode

Er arbeitet, inspiriert von einer der letzten Lesungen des Schriftstellers, mehrere Jahre an einem "Rythm And Prosa"-Programm, das Donnerstag im Obenkino zu sehen und hören war.
„Th.B.“ prangt in weißen Lettern auf seinem Shirt. Lässig, lasziv sitzt er auf einem Barhocker und singt eindringlich mit weichem Timbre „Wo wir zusammen eng umschlungen standen“ . Die Gitarre fleht leise. Drums und klare Basslines verbreiten einen Klangteppich, malen düster verborgene, hell klirrende, schmerzhaft schneidende, sphärisch entrückte Landschaften, in denen sich das Wortgut Braschs, „hart und zart wie Glas“ , zu Hause fühlt.
Unmittelbar danach schreit er die Worte zornig, rotzig heraus und wirft sie unsanft dem Publikum vor die Füße. Man meint nun wieder auf einem Punkrockkonzert zu sein. Die Gitarre heult jetzt laut, derb und heiser. Die Dramaturgie ist solide gestrickt. Der Abend lebt von den Brüchen. „...Wie ich unseren Stil nennen würde„ Es ist sehr vage, kaum beschreibbar. Konzertant“ Ich weiß es nicht. Es ist alles noch frisch, im Werden, im Entstehen und sich Verändern“ ,konstatiert der Sänger.
Birr und Band trugen in fünf Kapiteln Brasch-Texte aus den Büchern „Mädchenmörder Brunke“ und „Liebe Macht Tod“ in Liedform und gesprochenem Wort vor. Die inhaltlichen Parallelen der Erzählungen verführten ihn sichtlich zu einem Spiel der Verstrickungen beider Vorlagen zu einem neuen, unverfälschten Ganzen. Entstanden sind diese Sammlung und das Arrangement der Fragmente „Das Tier mit den zwei Rücken“ in über dreijähriger Arbeit. Vertont haben der Weimarer Jazzpianist Jan Mareck und Sebastian Birr es gemeinsam und brachten es in Potsdam mit nur Gesang und Klavier zur Uraufführung.
Die junge Band "bildetbanden" fand sich Anfang des Jahres zusammen, um ein umfangreicheres Bühnenprogramm, beeinflusst von den verschiedenen musikalischen Backgrounds der Mitglieder, zu erdenken. Zu sehen bekam der Cottbuser Zuschauer einen keinesfalls unfertig wirkenden "Zwischenstand". Überzeugend waren die klar strukturierten Kompositionen, gepaart mit der Vortragskraft des Sängers und dem vitalen, virtuosen Spiel der Musiker. Man könnte meinen, das wortgewaltige Textwerk Thomas Braschs stelle die Musik in den Schatten. Doch schafft es die erstklassige Besetzung Birr, Peter, Breitsprecher und Rataisky, der Musik gleichermaßen Berechtigung einzuräumen. Mit immenser Lust und feinem Gespür wollen sie das Projekt weitertragen. Haben Pläne mit diesen musiktheatralisch anmutenden Konzept auch eigene Liedpoesie zu verwirklichen und einen eigenen unverwechselbaren Klang zu kreieren.
In "Kleine Welten" entführte vorab das gleichnamige Duo mit folkloristischen Klängen auf dem Schifferklavier und Bongo. Mit geschlossenen Augen zelebrierten beide die slawische Melancholie, irische Ausgelassenheit und jiddische Heiterkeit ihrer Weltmusik.
Mit dem spitzbübischen Augenfunkeln eines verspielten Kindes dringt Birr, beinahe leichtsinnig, unwissend und doch mit der gewissen Ruhe einer Selbstverständlichkeit der Welt, in die Seelen. Immer an der Grenze zum Totalausfall.
Stilecht, eigenwillig und Gott sei dank unfertig. Man darf gespannt Kommendes erwarten.