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| 19:05 Uhr

Cottbus
Betrüger hinterlassen Unsicherheit

Auch an Geldautomaten wird vor dem Enkeltrick gewarnt. Die Polizei arbeitet mit den Banken zusammen und klärt die Mitarbeiter über die Betrugsmaschen und die Anzeichen bei Betroffenen auf. So sind der Polizei zufolge auch in Cottbus schon Betrügereien in letzter Sekunde vereitelt worden.
Auch an Geldautomaten wird vor dem Enkeltrick gewarnt. Die Polizei arbeitet mit den Banken zusammen und klärt die Mitarbeiter über die Betrugsmaschen und die Anzeichen bei Betroffenen auf. So sind der Polizei zufolge auch in Cottbus schon Betrügereien in letzter Sekunde vereitelt worden. FOTO: Horst Ossinger
Cottbus. Derzeit häufen sich Enkeltrick-Versuche in Cottbus und der Region. Selbst wenn die Betrüger mit ihrer Masche scheitern, hinterlassen sie bei ihren Opfern Spuren. Von Peggy Kompalla

Der Anruf kommt mitten am Tag. Am anderen Ende der Leitung ein freundlicher Mann. Er fragt: „Hallo Karo. Ich bin’s.“ Als Karo B. stutzt, schiebt er kokett nach: „Erkennst Du mich nicht?“ In der Cottbuserin rattert es. Derweil plaudert der Mann munter weiter. Eine ganze Weile geht das so. Bis er sich als ihr Neffe ausgibt. Da ist Karo B. klar: Sie hat einen Betrüger an der Strippe und legt auf. „Ich habe keinen Neffen“, erzählt sie Tage später. Es ist nichts weiter passiert. Trotzdem wirkt dieser Anruf bei der 67-Jährigen nach. Deshalb will sie in der RUNDSCHAU auch nicht ihren wahren Namen lesen – nicht aus Scham, sondern aus Unsicherheit.

Karo B. steht mitten im Leben. Sie ist aktiv und hat ihre Wohnung in Ströbitz elegant eingerichtet. Alles wirkt hell und einladend. Vom Balkon weht ein frischer Luftzug. Vor den Fenstern ist alles grün. „Jetzt hat es mich auch erwischt“, sagt die Cottbuserin. „Meine Nummer steht im Telefonbuch. Da musste es wohl so kommen.“ Das sagt sie so nüchtern und reflektiert. Es ist bereits eine Woche seit dem Anruf vergangen. „Das macht schon etwas mit einem“, gibt sie unumwunden zu. „Da ist ein fremder Mensch in meine Privatsphäre eingedrungen. Jemand hat versucht, mich zu manipulieren. Das greift die Seele an.“ Ein Fremder hat ihr Sicherheitsgefühl attackiert. „Man liegt auch Tage später im Bett und denkt, ich bin Opfer von solchen Machenschaften geworden.“ Bei jedem Knacken zuckt sie neuerdings nachts zusammen. Denn die Befürchtung ist da: „Wenn die meine Adresse haben. . .“ Den Satz spricht sie nicht zu Ende. Dabei ist Karo B. keine ängstliche Person. Doch es arbeitet in ihr. „Man wird dünnhäutig.“

Neben der Unsicherheit beherrscht sie noch ein zweites Gefühl. „Wie konnte ich nur so doof sein?“, fragt sie sich immer wieder selbst. Im Nachhinein kann sie der Raffinesse des Anrufers sogar etwas abgewinnen. „Das hat er schon sehr geschickt gemacht“, erzählt sie. „Er hat sofort Vertrautheit hergestellt, indem er mich mit meinem Vornamen ansprach und mich duzte.“ Im Nachhinein wird ihr noch etwas bewusst: „Er hat zwar ohne Akzent, aber ziemlich undeutlich gesprochen. Das hat er mit Sicherheit mit Absicht gemacht.“ Der Anruf kam mit einer unterdrückten Nummer bei ihr ein.

Das ist typisch, wie Polizeisprecher Torsten Wendt bestätigt. Dieser Tage häufen sich die Betrugsversuche per Telefon. „Cottbus und Guben sind derzeit ein Schwerpunkt“, sagt er. „Glücklicherweise haben die aktuellen Versuche nicht zum Erfolg geführt.“ Sprich: Es ist nicht bis zur Geldübergabe gekommen. „Unter 10 000 Euro lohnt sich das Betrugsmodell nicht“, so der Polizeisprecher. Deshalb werden die wildesten Geschichten erfunden: vom Hauskauf, vom Autounfall, vom Krankenhausaufenthalt. „Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.“ Torsten Wendt appelliert an die Betroffenen, eine Anzeige zu erstatten, selbst wenn die Betrugsmasche von den Opfern rechtzeitig durchschaut wurde. „Polizeiarbeit ist extreme Kleinarbeit“, argumentiert er. „Jeder Hinweis kann weiterhelfen und das entscheidende Puzzleteil für das Gesamtbild sein.“ Schließlich seien die Betrüger Teil bundesweit organisierter Banden.

Betrugsversuche treten der Beobachtung der Polizei zufolge in Wellen auf. Die Fälle häufen sich in einer gewissen Zeitspanne in einer Region. Dann ebben sie ab. „Dann treten sie im Norden des Landes auf“, erzählt Polizeisprecher Wendt. In Cottbus und Spree-Neiße haben die Fälle in den vergangenen Jahren zugenommen. 2017 zählt die Polizeistatistik 46 Betrugsfälle. Vier davon vollendet – also mit Geldübergabe. Im Jahr 2016 wurden in der Region 33 Fälle registriert.

Karo B. ist jetzt misstrauisch, sobald sie eine unterdrückte Nummer auf dem Telefon sieht. Sie sagt sich selbst: „Ich darf nicht so gutmütig sein.“ Diese Härte gefällt ihr gar nicht. Schließlich ist sie ein offener und kommunikativer Mensch. „Das Leben ist doch eigentlich zu kurz, um misstrauisch und schlecht gelaunt zu sein.“