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| 10:01 Uhr

Engel grüßen von der Decke

Wer die Miederboutique "Eva" im Haus Nummer 11 am Cottbuser Altmarkt betritt, hebt unwillkürlich den Blick zur Decke. Und dann fühlt er sich für einen Moment in eine barocke Kirche versetzt. Doch die Engel, die verschmitzt auf den Eintretenden herabschauen und wohl jedem einen freundlichen Satz oder zumindest ein Lächeln entlocken, sind ganz neu. Gemalt hat sie Anette Lehmann-Westphal. Von Ulrike Elsner

Es habe sie schon immer interessiert, Bilder unmittelbar auf die Wand zu bringen. "Das ist was Dauerhaftes", meint die Cottbuserin. Die Gestaltung des Treppenhauses im Käthe-Kollwitz-Haus in der Puschkinpromenade mag ein Vorläufer dieser Arbeit sein. Anette Lehmann-Westphal hat dort gemeinsam mit den Heimkindern eine farbenfrohe und fantasievolle Stadtansicht geschaffen, die ein wenig an die Bilder von Hundertwasser erinnert. Hier nun eine perfekt scheinende Illusionsmalerei, die in einer der Umkleidekabinen ihre Fortsetzung findet. "Erst war hier alles weiß, kühl und nüchtern", erinnert sich Anette Lehmann-Westphal. "Jetzt atmet alles Toscana-Flair." Und wirklich schweift der Blick über eine weite sonnenbeschienene Hügel-Landschaft. Der kleine Raum wird nicht nur optisch geweitet. "Es ist einfach zum Wohlfühlen", ist sich Inhaberin Annette Jahnz sicher. Dabei habe sich ursprünglich an dieser Stelle in dem um 1800 erbauten Haus eine schwarze Kammer befunden, in der Korn gebrannt wurde. Bei der Sanierung des Hauses, das seit ein paar Wochen auch mit einer denkmalgerecht wiederhergestellten grünen Fassade glänzt, seien im Verkaufsraum alte Wände wieder freigelegt worden. Der Tabakmeister Johann Gottfried Koblick, dem das als Handwerker- und Kaufmannshaus errichtete Gebäude gehörte, besaß die Braugerechtigkeit für elf Biere, weiß die neue Hausherrin, die sich über die Geschichte des Hauses Altmarkt 11 im Stadtarchiv genau informiert hat. Mit der Decken- und Wandmalerei in ihrem Laden hat sie einen Blickfang schaffen wollen, etwas Besonderes, das die Aufmerksamkeit der Cottbuser erregt. Vier Wochen hat Anette Lehmann-Westphal allein an dem Deckenbild gemalt. Eine genaue Planung sei dem vorausgegangen. Das habe etwas mit Perspektive zu tun und schließe die Beachtung der Blickrichtungen ein, erfährt der interessierte Laie. Der illusionistische Malstil, auch Trompe-l’oeil genannt, was so viel heißt wie "täusche das Auge", sei "sehr repräsentativ und dekorativ", sagt die Malerin. Die ältesten erhaltenen Beispiele kennt man aus Pompeji. Auch unklare Raumzuschnitte könnten dadurch ästhetisch verbessert und fantasievolle Ausblicke geschaffen werden. Anette Lehmann-Westphal: "Fernweh wird geweckt, und die Sinne werden beflügelt." Das Konzept scheint aufzugehen. "Meine Kunden sind begeistert", bekennt Annette Jahnz. "Manche sagen: Aus dieser Umkleidekabine möchte man gar nicht mehr raus."