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| 12:04 Uhr

Energiewende beschäftigt Cottbuser Firma
Schlaues Stromnetz für den Campus

 Den Zentralcampus mit intelligentem Stromnetz zu versorgen, ist eine Herausforderung.
Den Zentralcampus mit intelligentem Stromnetz zu versorgen, ist eine Herausforderung. FOTO: Michael Helbig
Cottbus. Eine Cottbuser Firma bastelt an einem Konzept zur intelligenten Energieversorgung der BTU. Von Andrea Hilscher

Die Energiewende ist ein Thema, das mit seinem Facettenreichtum und der globalen Bedeutung die Weltpolitik umtreibt. Ganz praktisch beschäftigt sich derzeit eine Cottbuser Firma damit, wie sich Strom schlauer als bisher nutzen lässt.  Die Ingenieure des Unternehmens Ascori wollen in den nächsten eineinhalb Jahren das Konzept für ein intelligentes Stromnetz auf dem Campus der BTU Cottbus-Senftenberg entwickeln.

„Allein schon die Ausschreibung des Projektes hat mehr als ein Dutzend Seiten umfasst“, erinnert sich Ascori-Mitarbeiter David Wagner. Zusammen mit seinem Kollegen Carsten Beer beackert er die komplizierte Fragestellung.

 Roger Kuhl (v.l.), David Wagner und Carsten Beer arbeiten an dem Konzept für eine intelligente Versorgung der Universität mit Strom.
Roger Kuhl (v.l.), David Wagner und Carsten Beer arbeiten an dem Konzept für eine intelligente Versorgung der Universität mit Strom. FOTO: LR / Hilscher Andrea

Im Kern geht es dabei um die Frage, inwieweit  das Stromnetz auf dem Zentralcampus komplett aus regenerativen Energien gespeist werden kann. David Wagner und Carsten Beer treffen sich dazu regelmäßig mit Vertretern der Universität. „Wir müssen ja erst einmal eine Bestandsaufnahme machen und schauen, welche Bedarfe entstehen, was bereits in Sachen regenerativer Energien auf dem Campus passiert ist und auf welche speziellen Anforderungen wir achten müssen“, so Beer. Er erstellt gerade ein Modell, mit der Abbildung des kompletten Campus-Netzes.

Insbesondere geht es darum, verschiedene Lastszenarien innerhalb des Campus zu ermitteln und zu berechnen. Regenerative Energien stehen nicht kontinuierlich und nicht immer auf den Punkt genau dann zur Verfügung, wenn sie benötigt werden. Und auch in vermeintlichen Schwachlastzeiten können teilweise energieintensive Prozesse, wie zum Beispiel Lüftungs- und Klimatechnik, nicht abgeschaltet werden.

 „Das alles ist schon komplex genug“, sagt Geschäftsführer Roger Kuhl. „Aber diese Leistung mit Strom aus regenerativen Energiequellen bereitzustellen, ist eine wirkliche Herausforderung.“

Zukünftig sollen dezentrale Stromerzeuger, Speicher, Verbraucher, Energieübertragungs- und Verteilnetze in einem intelligenten Stromnetz (Smart Grid) kommunikativ miteinander verbunden und gesteuert werden. Heißt konkret: „Wir schauen, was an maximaler Einspeisung erneuerbarer Energien möglich ist“, erklärt Roger Kuhl. „Wir werden auf Photovoltaik setzen“, sagt er. Die Zahl der dafür geeigneten Dächer und Fassaden wird jetzt ermittelt. Außerdem müsse geprüft werden, inwieweit sich künftige Bauten wie das neue Gründerzentrum mit Photovoltaik ausstatten lassen. Adäquater Blitzschutz, die Kabeltrassierung und die Einbindung vorhandener Systeme müssen ebenfalls beachtet werden.

Nächster wichtiger Punkt ist für die Ingenieure die sogenannte Lastverschiebung. „Einige Nutzungen sind tatsächlich an bestimmte Zeiten gebunden, andere kann man vielleicht so steuern, dass Strom dann genutzt wird, wenn es ohnehin Spitzen in der Erzeugung gibt“, so Roger Kuhl.

Bestandteil konzeptioneller Überlegungen werden Anlagen, die aus Energie Wärme (Power to Heat), Kälte (Power to Cool) oder Gas (Power to Gas) erzeugen. Kleinere Prototypen werden schon jetzt von der BTU genutzt. Prof. Harald Schwarz (Lehrstuhl Energieverteilung und Hochspannungstechnik) erklärt: „Bei den auf dem Campus zu installierenden Power-to-X-Technologien soll eine Abstimmung erfolgen, welche technische Optionen aus Sicht des Landes Brandenburg besonders als Show-Case in den Vordergrund gestellt werden.“

Ebenso einzubeziehen: die Elektromobilität, und zwar nicht nur als Energieversorgung für den BTU-eigenen Fahrzeugverkehr, sondern auch als zwischenzeitliche Energiespeicher. Roger Kuhl: „Wird gerade mehr Strom aus Photovoltaik erzeugt, als wir verbrauchen können, so wäre die Einspeisung in die Batterien der E-Autos eine gute Teillösung.“

Immer wieder müssen er und seine Kollegen sich die Frage stellen, was vom Machbaren sinnvoll und ökonomisch ist. So scheint die Power-to-Gas-Technologie, bei der mittels Elektrolyse aus Wasser Wasserstoff gewonnen wird und dann durch Methanisierung ein Brenngas (Erdgas) entsteht, möglicherweise vielversprechend. „Das ist natürlich sehr viel leichter einsetzbar als Wasserstoff, man braucht dazu aber wiederum eine CO2-Quelle wie etwa Biomasse“, sagt David Wagner. Auch Brennstoffzellen seien aktuell ein wichtiges Thema, das die Entwickler in ihr Modell mit einbeziehen wollen.

„Eine spannende Aufgabe“, sagt der Firmenchef. „Sie ist zwar typisch für das, was wir sonst auch machen, aber hier arbeiten wir mit offenem Ausgang.“ Unterm Strich sei das Ziel, den energiebedingten Ausstoß an CO2 so weit gegen Null zu drücken wie irgend möglich. „Das ist neben den ökologischen Aspekten auch ökonomisch lohnenswert“, sind sich die Ingenieure einig. Eine autarke Stromversorgung macht unabhängig von den Preisschwankungen des Weltmarktes.

Das Konzept für intelligente Stromnetze (smart grid) wurde vom Lehrstuhl Energieverteilung und Hochspannungstechnik der BTU Cottbus-Senftenberg ausgeschrieben und wird von der Investitionsbank des Landes Brandenburg gefördert.