Axel Franz sitzt vor den Monitoren in der Blockwarte. Der Blockführer hebt den Arm. Es ist 16.54 Uhr. Jürgen Ackermann neben ihm ruft aus: „Block F vom Netz getrennt.“ Ein Schichtarbeiter nimmt den Helm ab. Das 500-Megawatt-Aggregat liefert keinen Strom mehr. Im Kraftwerk Jänschwalde herrscht Trauer. Alle stehen sie da: Schichtarbeiter, Manager, Geschäftsführer und Vorstand des Energiekonzerns Leag sowie der Cottbuser Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU). Ausgerechnet Jürgen Ackermann, Leiter Produktion, verkündet Vollzug. „Das ist ein ganz schwerer Moment“, sagt er. „Ich habe den Block am 9. März 1989 in Dauerbetrieb genommen.“ Er atmet durch. „Wir legen einen modernen Kraftwerksblock aus politischen Erwägungen still, die wir als Ingenieure nicht nachvollziehen können.“ Er betont: „Block F ist mitnichten ein Dinosaurier, sondern auf der Höhe der Anforderungen, um flexibel auf das Netz zu reagieren.“

Tatsächlich ist Block F der jüngste und modernste der sechs Stromaggregate im Kraftwerk. Thomas Michelchen formuliert es, wie es nur ein Betriebsingenieur kann: „Der Block ist todschick.“ Dabei wird Block F nicht einfach vom Netz genommen, sondern er geht für vier Jahre in Sicherheitsreserve – also Bereitschaftsdienst. Denn im Notfall soll der Block innerhalb von zehn Tagen wieder hochgefahren werden und binnen weiterer 24 Stunden mit voller Leistung Strom liefern.

Kraftwerksleiter Andreas Thiem spricht aus der Blockwarte in eine Kamera. Bild und Ton werden auf den Stadthallenvorplatz Cottbus übertragen. Er sagt: „Seit drei Jahren wissen wir, dass der Block abgeschaltet werden soll. Trotz der langen Zeit, fällt es uns schwer.“ Das Gefühl teilen die 3000 Menschen auf dem Stadthallenvorplatz. 600 Leag-Mitarbeiter räumen symbolisch ihre Stühle. Andreas Fordon vom Kraftwerk Boxberg sagt: „Die Abschaltung bedeutet für uns den Wegfall von 600 Arbeitsplätzen. Das Schlimmste ist, dass keine jungen Leute nachrücken können. Ich fürchte, dass damit ein Stück Lausitz aussterben wird.“

Für Paul Donath beginnt jetzt die Arbeit. Der Elektroingenieur ist der Projektleiter für die Sicherheitsbereitschaft. Mit seinem Team und den Partnerfirmen setzt er nun um, was bislang Theorie war. Denn das Kraftwerk betritt mit der Konservierung des Braunkohle-Blocks Neuland. Am Sonntag ist das Trockenbraunkohle-Silo bereits leer. Einer der beiden Kessel ist aus, die Trommeln der Kohlemühlen sind leer. „Ruhe in Frieden“ steht in einen Stahlträger geritzt. Daneben ein Kreuz. Durch das schier unübersichtliche Rohr-System der Anlage rauscht bereits seit 18 Tagen ein Konservierungsmittel. Das soll die Korrosion verhindern.

Leag-Vorstand Hubertus Altmann versichert: „Wir setzen alles daran, dass der Block im Krisenfall innerhalb von zehn Tagen angefahren werden kann. Das ist unsere Verpflichtung.“ Das ist ein Kraftwerker-Ehrenwort.

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es noch, dass 300 Leag-Mitarbeiter auf dem Stadthallenvorplatz in Cottbus symbolisch ihre Stühle und damit ihren Arbeitsplatz geräumt haben. Tatsächlich waren es 600.