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Endspurt für Arbeiten an neuer Gedenkstätte

Sylvia Wähling, geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtsvereins, auf der neuen Fluchttreppe der Gedenkstätte.
Sylvia Wähling, geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtsvereins, auf der neuen Fluchttreppe der Gedenkstätte. FOTO: Andrea Hilscher
Noch dreht sich der Kran über dem Komplex des früheren Zuchthauses an der Bautzener Straße, doch schon in wenigen Tagen werden die Umbauarbeiten abgeschlossen. Dann können erste Ausstellungsteile und Mitarbeiter in die neue Gedenkstätte einziehen. Von Andrea Hilscher

Cottbus. „Ich hätte nicht gedacht, das Bauen tatsächlich so anstrengend ist.“ Sylvia Wähling, geschäftsführende Vorsitzende des Menschenrechtsvereins Cottbus, hetzt dieser Tage von einem Termin zum nächsten. Mit der Polizei spricht sie wegen eines Diebstahls, mit Handwerkern wegen Pfusch am Bau, zwischendurch klärt sie mit Sponsoren die erste große Veranstaltung in der neuen „Gedenkstätte Zuchthaus“. Denn schon für Ende März ist der Umzug des Menschenrechtszentrums in das ehemalige Hafthaus 1 des Gefängnisses geplant.

Seit Oktober wurde an dem ehemaligen Zellentrakt sowie am Torhaus gebaut. 1,25 Millionen Euro aus Landes- und Bundesmitteln wurden bisher verbaut. Das Torhaus wird in diesen Tagen mit einem neuen Dach gesichert. „Hier soll noch eine Durchfahrt geschaffen werden, um die frühere Einfahrtsituation wieder herzustellen“, erklärt Sylvia Wähling. Besucher der Gedenkstätte werden allerdings auch weiterhin vor dem Torhaus parken und das Gelände dann zu Fuß erreichen.

Im Erdgeschoss des früheren zentralen Hafthauses wird künftig ein Großteil der Fläche der Ausstellung „Freiheit, Würde, Menschenrechte – politische Verfolgung 1918 bis 1989“ gewidmet. „Die Ausstellungskonzeption wird gerade erarbeitet, außerdem sammeln wird noch Exponate“, so Sylvia Wähling. Ziel sei eine Präsentation, die eng an den Erinnerungen von Zeitzeugen orientiert ist.

Anhand ihrer Erlebnisse sollen typische Haftsituationen, der Häftlingsfreikauf oder das Thema Zwangsadoption abgebildet werden. „Damit erreichen wir die Besucher besser als mit nüchternen Fakten“, erklärt Sylvia Wähling. Allerdings brauchen die Ausstellungsmacher dafür möglichst viele originalgetreue Möbelstücke, Gerätschaften und technische Instrumente.

Da für die Sanierung des ersten Stockwerkes das Geld fehlte, können künftige Zuchthausbesucher nur im zweiten Obergeschoss nacherleben, wie sich die Häftlinge früherer Jahrzehnte gefühlt haben müssen. Für die 50er-, 60er-, 70er- und 80er-Jahre wird stellvertretend je ein Haftraum dargestellt. Bis hin zur Wandfarbe sollen alle Details stimmen.

So werden in der Zelle aus den 70er-Jahren, in der auch der CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski gesessen hat, die beengten Lebensbedingungen gezeigt – auf 44 Quadratmetern mussten damals 28 Häftlinge leben. Ihre vierstöckigen Betten werden nachgebaut und sollen mit 28 künstlerisch gestalteten Figuren „belegt“ werden.

Auch an ein weiteres Detail wollen sich die Menschenrechtsvertreter halten: Vor der Zelle aus den 70er-Jahren wird eine Sichtblende angebracht, das Fenster aus den 80er-Jahren wird mit undurchsichtigem Drahtglas versehen.

„Warum die Gefangenen in den 70er-Jahren plötzlich schlechter gestellt wurden als in den 50er- oder 60er-Jahren wissen wir noch nicht“, sagt Sylvia Wähling. Dennoch wolle man sich um Authentizität bemühen.

„Wir wären natürlich sehr froh, wenn auch ehemalige Wärter und Erzieher uns erzählen würden, wie ihr Arbeitsalltag aussah.“ Die Ausstellung wolle sie nur ungern allein auf die Darstellung von Häftlingserlebnissen beschränkt wissen. „Aber bisher war kein einziger früherer Vollzugsmitarbeiter bereit, mit uns zu sprechen.“ In einem Jahr wird die Ausstellung fertig sein, doch schon jetzt können Besucher das Gelände besichtigen. Für den 13. bis 15. April ist die erste große Tagung im neuen Haus geplant: Zur Feier von 40 Jahren „Internationale Gesellschaft für Menschenrechte“ werden 300 Gäste aus aller Welt in Cottbus erwartet.

„Eine späte Genugtuung, dass ausgerechnet ein Verein, der in der DDR als Staatsfeind Nummer eins galt, jetzt hier feiern kann“, sagt Sylvia Wähling. In den kommenden Jahren, so ihre Hoffnung, soll sich die Zuchthausgedenkstätte bundesweit als Veranstaltungsort etablieren. „Denn anders als alle anderen brandenburgischen Gedenkstätten müssen wir uns selbst finanzieren“, so Sylvia Wähling.