Im Juni 1942 wies der Cottbuser Oberbürgermeister Franz Viktor an, das Haus Münzstraße 42 sei für die Unterbringung der Juden zu räumen. Die Einrichtung eines Hauses für Sittendirnen sei deshalb zurückzustellen. So wurde das Gebäude in der Münzstraße für viele Cottbuser Juden zur letzten Station vor der Deportation. Von hier musste auch Emma Rothschild ihre letzte Reise antreten. Heute erinnert vor dem Haus ein Stolperstein an sie.

Ihre Wiege stand in der rheinland-pfälzischen Edelsteinstadt Idar-Oberstein. 1870 erblickte sie dort das Licht der Welt. Mit 24 Jahren heiratete Emma Bonnem am 23. August 1894 den fünf Jahre älteren Karl Rothschild in Halle an der Saale. Vier Kinder wurden in der Ehe geboren. Die Familie lebte zunächst im thüringischen Apolda, später in Dessau. Dort betrieb Karl Rothschild eine Fleischerei. Aber schon am 12. Januar 1911 starb er durch einen Unfall.

Die Witwe lebte mit ihren Kindern in der Dessauer Herzogsallee. Alte Adressbücher weisen sie als "Kaufmann" aus. Wahrscheinlich führte sie die Fleischerei weiter. Die Kinder wurden flügge und verließen das Familiennest. 1930 zog Frau Emma nach Berlin zu ihrer inzwischen verheirateten Tochter Gertrud. Aber im Jahr 1939, als jüdisches Leben in Deutschland gefährlich geworden war, verließ diese mit ihrer Familie Deutschland. Nun zog Mutter Emma nach Cottbus zu ihrer Tochter Ilse. Diese war mit dem "arischen" Buchhändler Max Walther verheiratet. Die Mischehe schützte ihr Leben, bewahrte die Familie aber nicht vor Repressalien. Die Jüdin Emma Rothschild war nicht sicher bei der Tochter. 1941 musste sie in das Judenhaus Rossstraße umziehen. Im Juli 1942 schließlich wurde das Judenhaus in der Münzstraße zur letzten Station vor der Deportation. Hier teilte sie sich mit ihrer Leidensgefährtin Netty Dreier eine Dachkammer.

Im August dann der Transport. Gemeinsam mit den letzten noch in Cottbus verbliebenen Juden - unter ihnen das Ehepaar Schlesinger und Netty Dreier - wurde sie nach Theresienstadt verschleppt. 72 Jahre war Emma Rothschild alt, als sie die Qualen der Deportation ertragen musste. Die Hitze im Viehwaggon, Durst, Hunger, Gestank. Im Lager Theresienstadt lebte sie noch sieben Monate. Im Februar 1943 holte sie der Tod. Als Ursache wurde eine Darmerkrankung angegeben. Die vier Kinder der Familie Rothschild haben das Grauen überlebt. Drei von ihnen konnten emigrieren, fanden neue Heimat in den USA und Südafrika. Familie Walther überstand die Jahre in Cottbus. Max Walther musste viel Diskriminierung hinnehmen, verlor seine Arbeit und wurde zur Zwangsarbeit genötigt. Aber er stand treu zu seiner jüdischen Ehefrau. Nach dem Krieg war er der erste Stadtarchivar von Cottbus.

Quellen: Gedächtnisbuch der Jüdischen Gemeinde 5, AG Stolpersteine Gudrun Breitschuh-Wiehe 2010, LR online 9.11.207, Letzter Wohnort vor Ghetto und Gaskammer

Alle bisher erschienenen Geschichten zu den Cottbuser Stolpersteinen gibt es hier: www.lr-online.de/

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