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Einmal noch zur Hochzeit der Mutter

Emotionale Fahrt zur Hochzeit der Mutter: Christian Klinke, 29 Jahre, (im Rollstuhl) wurde vom Betreuungsteam des Wünschewagens in Cottbus abgeholt und nach Senftenberg gefahren. Es war sein innigster Wunsch.
Emotionale Fahrt zur Hochzeit der Mutter: Christian Klinke, 29 Jahre, (im Rollstuhl) wurde vom Betreuungsteam des Wünschewagens in Cottbus abgeholt und nach Senftenberg gefahren. Es war sein innigster Wunsch. FOTO: ASB-LV Brandenburg
Cottbus. Christian Klinke aus Cottbus ist unheilbar krank, sein Körper entwickelt sich zurück. Bei der Hochzeit der eigenen Mutter dabei zu sein, war sein größter Wunsch. Der Wünschewagen erfüllte jetzt diesen Traum. Rüdiger Hofmann

"Ich wünschte mir, mein Sohn Christian wäre bei meiner Hochzeit dabei." Mit diesem Anliegen hatte sich Christina Klinke aus Brieske bei Senftenberg im Sommer an das Brandenburger Wünschewagenteam gewandt. Bei ihrer ersten Hochzeit 1989 konnte ihr Sohn Christian nicht dabei sein - mit nur eineinhalb Jahren lag er mit schweren Asthmaanfällen im Krankenhaus.

Am 5. August 2017 heiratete seine Mutter Christina noch einmal. Zum Zeitpunkt der Hochzeit ist Christian gerade einmal 29 Jahre alt und schwerstkrank. In dieser Zeit wohnt er im Malteserstift Mutter Teresa Junge Pflege. Im Dezember 2016 hatten Ärzte der Uniklinik Dresden herausgefunden, unter welcher Krankheit der junge Mann leidet. Die Diagnose war erschütternd: Morbus Niemann Pick Typ C im Endstadium. Eine tödliche und äußerst seltene Krankheit. Nach und nach entwickelt sich der Körper zurück. In den Zellen der Betroffenen kommt es zu einer Transportstörung und damit zu einer Anhäufung von Fetten, wie Cholesterin. Natürlich im Stoffwechsel benötigte Fette werden nicht mehr aus der Zelle entfernt, stauen sich dort und zerstören die Zelle. In Leber, Milz und Gehirn entstehen so Zellschäden, die zu einem Untergang des Gewebes führen. Die Krankheit endet schließlich mit einem weitgehenden Verlust körperlicher und geistiger Fähigkeiten, ähnlich wie es bei Demenzpatienten beobachtet wird. "Es ist grausam zu sehen, wie ein junger Mensch, der laufen, sprechen, Rad fahren konnte und die Schulausbildung beendet hat, sich zurückentwickelt, bis nichts mehr geht", erzählt Christina Klinke traurig.

Glücksmomente sind für die Familie inzwischen sehr selten geworden. Umso wichtiger und wertvoller war es für Christina Klinke, ihren Sohn bei der Hochzeit im engsten Familienkreis wenigstens für ein paar Stunden bei sich zu haben. Der Wünschewagen ließ diesen Traum nun Wirklichkeit werden. Doch was verbirgt sich hinter diesem Projekt?

"Jeder Mensch, der sich auf seinem letzten Lebensweg befindet, soll die Möglichkeit auf die Erfüllung seines Herzenswunsches erhalten", sagt Jürgen Haase, Geschäftsführer des ASB Landesverbandes Brandenburg. Seit dem 3. September 2016 ist der ASB Landesverband Brandenburg e. V. daher mit seinem "Brandenburger Wünschewagen" landesweit unterwegs. 15 Fahrten sterbenskranker Menschen hat der "Wunscherfüller auf vier Rädern" seither durchgeführt - kostenfrei. Einmal noch ans Meer, ins Kino oder in den Tierpark - jeder Wunsch soll möglichst erfüllt werden. Der ASB verfolgt damit eines seiner Grundziele: Den Menschen in jeder Lebenslage zu helfen. Ein für diese Zwecke komplett ausgebauter Krankentransportwagen mit großen Fenstern und vielen Extras ist das Herzstück. Auch bei längerer Fahrzeit wird ein angenehmes Reisen ermöglicht. Der Reisende und seine Begleitung sollen auf der Wunschfahrt so viel wie möglich sehen und komfortabel unterwegs sein. "Die Anschaffungskosten für diesen speziell ausgebauten Wagen belaufen sich auf 100 000 Euro, die der ASB aus Eigenmitteln finanziert hat", sagt Jürgen Haase,

"Gegenwärtig stehen uns 91 ehrenamtliche Begleiter mit medizinischem Fachwissen zur Seite. Von der Arzthelferin über die Kinderkrankenschwester bis hin zum Rettungssanitäter, Feuerwehrmann und Palliativarzt", ergänzt Cindy Schönknecht, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Der oder die Mitfahrer würden auf der Fahrt von zwei bis drei ehrenamtlichen Helfern begleitet und betreut. Eine Person ist Rettungssanitäter. "Die Fahrten sind für alle Reisenden kostenfrei. Anfallende Kosten für eventuelle Eintrittskarten, Verpflegung, Übernachtung, übernimmt das Projekt", sagt Schönknecht. Der Wünschewagen ist ein rein ehrenamtliches und spendenfinanziertes Projekt. Unterstützung kommt aus der gesamten Bevölkerung: Schulklassen, Vereine, Privatpersonen, Firmen, Banken, die Landesregierung Brandenburg und das Gesundheitsministerium sowie den Brandenburger ASB-Gliederungen und dem ASB Deutschland.

Am 5. August war es dann endlich so weit: Die Fahrt zur Hochzeit von Christina stand vor der Tür. Das Wünschewagenteam um Ricardo Held, Rettungssanitäter beim ASB Ortsverband Lübbenau/ Vetschau, Daniela Hoffmann, Arzthelferin aus Brandenburg an der Havel und Stephan Grund, Fahrdienstmitarbeiter im Klinikum, holte Christian von seinem Wohnort in Cottbus ab und begleitete ihn nach Senftenberg. "Schau mal Christian, da kommt deine Mama und sieht so hübsch aus", sagt Daniela zu ihm, als der Wagen vorfuhr. Dann schaut er aus dem Fenster. Überglücklich nimmt Mutter Christina ihren Sohn vorsichtig in den Arm. Seine Oma hat ein Fotoalbum von ihrem Enkelsohn mitgebracht. Pflegerin Trixi, die sich liebevoll um Christian kümmert, ist auch dabei. Die Sonne scheint an diesem Tag. Tränen kullern. "Jede Fahrt ist emotional. Freude und Trauer gehen immer mit an Bord", sagt Cindy Schönknecht.

Für zwei Stunden ist Christian im Kreis seiner Lieben. Er fühlt sich wohl, auch wenn ihm das Kommunizieren sehr schwerfällt. Christina wird später erzählen: "Es gab Augenblicke, in denen er ruhig war, sein Gesicht war entspannt und er hat bei der Musik gewippt." Dem Team um den ASB und den Wünschewagen ist die Verheiratete unendlich dankbar. "Ihr habt uns für ein paar Stunden sehr glücklich gemacht. Ich bin einfach nur froh, dass Christian bei uns war", sagt Christina.

Anm. d. Red.: Christina Klinke war in den vergangenen Tagen nicht erreichbar, sodass wir nicht mit Sicherheit sagen können, wie es dem Jungen aktuell geht.

Zum Thema:
Die längste Fahrt eines Brandenburger Wünschewagens verlief über 1227 Kilometer und führte von Cottbus nach Hamburg und zurück. Auf der kürzesten Fahrt mit 156 km begleitete das Team Ende Juli 2017 einen jungen Mann von Falkensee nach Spandau ins Kino. Standort des Wünschewagens ist die Feuerwache Teltow. Hier starten und enden die Fahrten für alle ehrenamtlichen Begleiter. Gegenwärtig sind zwölf Wünschewagen deutschlandweit unterwegs. Bisher haben 560 Ehrenamtliche 480 Herzenswünsche in ganz Deutschland erfüllt. (Stand Juni 2017). Kontakt können Interessierte über Telefon: 0331/60087962 aufnehmen. Wer etwas spenden möchte, kann dies tun auf das Konto: "Brandenburger Wünschewagen" des ASB-Landesverbandes Brandenburg bei der Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE 49 1002 0500 0003 5454 01, BIC: BFSWDE33BER, Verwendungszweck Wünschewagen.