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Einmal mit dem Paraglider über der Heimat schweben

Ein Ruck und dann zieht das 1000-Meter-Seil Mensch und Schirm in die Höhe.
Ein Ruck und dann zieht das 1000-Meter-Seil Mensch und Schirm in die Höhe. FOTO: Theiler
Cottbus. Der Traum vom Fliegen besteht so lange wie die Menschheit selbst und bildet auch heute noch eine Metapher für jene großen Unternehmungen, die mit Beginn ihrer Idee zunächst unmöglich erschienen. In die weißen Wolken eintauchen, vom Wind getragen werden und die gewohnte Umgebung aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen reizt nicht nur erfahrene Berufspiloten, sondern auch immer mehr Hobbyflieger, die das Paragliding für sich entdeckt haben, um dem grauen Alltag zu entfliehen. Jenny Theiler

Wer schon immer mehr über diesen außergewöhnlichen Sport erfahren wollte, hat noch bis Sonntag die Gelegenheit dazu. 60 Wettkampfteilnehmer aus ganz Deutschland haben sich beim diesjährigen Spreewald-Open-Teamwettbewerb angemeldet, um an drei Wettkampftagen gegeneinander anzutreten. Gastgeber ist der 1990 gegründete Cottbuser Drachen-und Gleitschirmfliegerclub.

Der ehemalige Militärflugplatz Cottbus-Nord scheint als Austragungsort nahezu perfekt für die luftigen Wettkämpfe zu sein. "Es gibt kaum einen anderen Flugplatz in Deutschland, der auf unsere Bedürfnisse so hervorragend zugeschnitten ist", lobt Pilotin Heike Steuer das Gelände und betont vor allem die praktische Nähe direkt zur Stadt. Das Flugplatzmuseum in der Dahlitzer Straße dient als Wettkampfbüro und verleiht der ganzen Veranstaltung einen nostalgischen Charme. Zwischen den Flugzeugmodellen aus verschiedenen Jahrzehnten wird ein Traditionsbewusstsein deutlich, das an die jahrhundertelangen Bemühungen der Menschheit in die Lüfte aufzusteigen erinnert und gleichzeitig ihren Erfolg bestätigt.

Videoaufnahme per "Arm"-Kamera

Die anwesenden Flugschüler werden an diesem Wochenende auf eine locker-angenehme Art an Wettkämpfe herangeführt. Jedes Team besteht aus drei Teilnehmern. Zwei erfahrene Piloten und ein Einsteiger fliegen eine bestimmte Strecke ab und erhalten für jeden zurückgelegten Kilometer Punkte - und das bei einer Flughöhe von bis 1000 Metern. Was so einfach klingt, ist an äußerst komplexe Abläufe gebunden, die im Vorfeld bis ins kleinste Detail geplant werden müssen. "Bei der Tagesaufgabe, die das jeweilige Team bewältigen muss, steht Teamwork an erster Stelle", erklärt Heike Steuer vom Drachen- und Gleitschirmfliegerclub Cottbus. Das vorausschauende Fliegen, die gemeinsame Koordinierung der Wegpunkte, die abgeflogen werden und vor allem der richtige Umgang mit den jeweiligen Wetterlagen machen das Gleiten mit den bunten Schirmen zu einem anspruchsvollen Sport. Eine zeitliche Begrenzung ist für die Bewältigung der Wettkampfaufgaben nicht vorgesehen und laut Thomas Thoralf auch nicht umsetzbar. "Manchmal fliegt man sieben Stunden und manchmal auch nur drei - Das hängt immer vom Wetter ab", erklärt der erfahrene Pilot vom Drachen- und Gleitschirmclub Erzgebirge Ost.

Sie sprechen in Himmelsrichtungen und scheinen mit den Gedanken ständig in den Wolken zu stecken - eine lässige Unbefangenheit geht von den Flugsportlern aus, die aber spätestens auf der mit Rasen bewachsenen Start-und Landebahn kurzfristig verschwindet. Selbst den erfahrenen Piloten steht vor dem Start die Anspannung ins Gesicht geschrieben - zu Recht. Per Funk werden die letzten Startdetails geklärt ehe ein knapp tausend Meter langes Seil die Gleiter in die Lüfte zieht. An der Seite des erfahrenen Fluglehrers Gunter Mühle von der "paradopia" Gleitschirmschule Sachsen gelingt der Start des Tandemflugs reibungslos.

Das unbeschreibliche Gefühl im Laufen plötzlich den Boden unter den Füßen zu verlieren, gipfelt in einem Kribbeln in der Magengegend, das höchstwahrscheinlich der Adrenalinausschüttung geschuldet ist. Während die Beine sich immer weiter vom Boden entfernen und die angespannten Sinne von den umherschwirrenden Eindrücken überflutet werden, stellt sich eine sonderbare Entspannung ein, die in einem überwältigenden Glücksmoment gipfelt.

Das starke Bewusstsein, dass plötzlich alles möglich erscheint, wird nur noch von dem unbändigen Freiheitsgefühl übertroffen, das beim Anblick des blauen Himmels und der weitläufigen Umgebung entsteht.Dennoch macht sich in jeder Empfindung ein eigentümlicher Stolz breit, wenn man erkennt, wie schön die Heimat auch in der Ferne sein kann. Es braucht nur sieben Minuten Paragliding und 300 Meter Höhe, um die Faszination für diesen Sport zu begreifen und ein neues Verständnis für die scheinbaren Alltäglichkeiten des Lebens zu gewinnen.

Zum Thema:
Die Startzeit der täglichen Flugaufgabe ist 12 Uhr Am Samstagabend, den 27. Mai, werden die Wettbewerbsergebnisse bekanntgegeben. Der Sonntag (Reservetag für offene Wettbewerbsdurchgänge) steht für freies Fliegen zur Verfügung.Die Zuschauer bekommen kostenlosen Zutritt zum Fluggelände und nach Absprache sogar die Möglichkeit zum Mitfliegen.