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Eine Woche ohne Handy – Geht das?

Die Klassenlehrer Maria Jurk (von links) und Steffen Noack legen gemeinsam mit Frida Kaiser, Charlotte Wache und Sophie Lynar nochmals symbolisch ihre Handys ab.
Die Klassenlehrer Maria Jurk (von links) und Steffen Noack legen gemeinsam mit Frida Kaiser, Charlotte Wache und Sophie Lynar nochmals symbolisch ihre Handys ab. FOTO: Georg Zielonkowski/ski1
Cottbus. "Respekt!" möchte man ausrufen, wenn man von einer Aktion hört, der sich 76 Schüler des Evangelischen Gymnasiums in Cottbus "unterworfen" haben. Ohne Zwang haben sich viele Siebt- und Neuntklässler entschlossen, eine Woche lang ohne ihr geliebtes Handy auszukommen. Georg Zielonkowski / ski1

Nicht irgendeine Woche, sondern jene, die über Pfingsten reichlich Freizeit bescherte, sollte es sein.

Maria Jurk, die Klassenlehrerin, hatte zuvor während verschiedener Elterngespräche von der Sorge gehört, dass die Kinder zu oft ihr Smartphone in der Hand haben. Also konfrontierte die Pädagogin ihre Schüler mit einer eigenwilligen Idee, es doch ein paar Tage ohne das geliebte Gerät zu versuchen. "So große Überredungskünste musste ich gar nicht anbringen. Was aber wohl daran lag, dass die Schüler anfangs die Tragweite der Aktion nicht einschätzen konnten. Sie nicht ahnten, wie es ist, ohne Handy durch den Tag kommen zu müssen", berichtet die Klassenleiterin. Sie staunte allerdings auch, dass spontan alle 28 Schüler der Klasse 7b und 20 Schüler von 28 aus Klasse 7a ihre Smartphones in einen vorbereiteten Karton legten. Auch ihr eigenes Gerät wanderte in die Schatulle.

Die Erfolgsquote ihres Lehrer-Kollegen Steffen Noack von der Klasse 9a war mit elf von 28 Geräten zwar nicht ganz so herausragend, aber auch der Klassenlehrer schloss sich der Aktion an. Doch gerade er brach die Aktion schon nach zwei Tagen ab. "Terminliche und organisatorische Dinge rund um eine Geburtstagsfeier in der Familie waren zwingend mit der Nutzung des Geräts verbunden. Aber besser ich breche ab als die Schüler, habe ich mir gedacht. Übrigens haben ausnahmslos alle Schüler durchgehalten", so der einzige "Aussteiger".

Charlotte Wache (9a) fand die Idee dieser Aktion durchaus sinnvoll, musste aber gestehen, dass sie nie gedacht hätte, wie sehr ihr Leben schon von diesem kleinen Gerät beeinflusst wird: "Im Alltag merkt man das ja schon nicht mehr, wie viele Dienste man über das Handy aufruft. Erst wenn dann in der Projektwoche die Hand ins Leere greift, wird man erinnert, dass man ja eben schon wieder das Handy benutzt hätte."

Große Freude löste das "Handy-Fasten" (so der offizielle Titel des Projektes) bei der Oma von Frida Kaiser aus. Die Großmutter konnte nun endlich wieder einmal mit ihrer Enkelin in Ruhe reden. Und das, ohne dass die nebenher ständig über die Tastatur fingerte. Ihre inzwischen schon sehr tiefe Bindung zur Technik beschrieb Frida zudem, als sie von ihrer Pfingstfahrt im Auto der Eltern erzählte: "Papa, wo fährst Du lang, sind wir hier schon je zuvor entlanggefahren? Ich kenne das alles ja gar nicht ...", so ihre Reaktion, als sie endlich einmal ohne jede Ablenkung während der Autofahrt die Umgebung wahrnehmen konnte. Auch Sophie Lynar staunte nach ihrem "ersten wirklich ganz schlimmen Tag ohne Handy" später nicht schlecht, dass man Dinge durchaus auch "ohne" organisieren kann. "Man muss einfach gleich konkret werden, um Termine für Verabredungen zu organisieren. Eine spätere Konkretisierung nach dem Motto ‚ich komme zehn Minuten später' ist ja ohne Handy nicht mehr möglich", hat sie festgestellt.

Aufzeichnungen wurden während und nach der Aktion gemacht, um Erkenntnisse festzuhalten. Konkrete Fragen wurden darin gestellt: Wie geht es ohne? Wozu hätte ich es dringend gebraucht? Und vor allem: Was hat mir die plötzlich gewonnene Zeit gebracht?

Inzwischen gibt es die Idee, einen "Handy-Knigge" auszuarbeiten. "Wir wollen unsere Erfahrungen öffentlich darstellen. Um auf diesem Weg Hilfe für eine sinnvolle Kommunikations-Kultur zu bieten", erklärt Maria Jurk. Die Lehrerin freut sich übrigens darüber, dass alle Mitmacher des Projekts spontan erklärten, sich erneut einer solchen Aktion anzuschließen, sofern es eine Neuauflage gibt.