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| 17:19 Uhr

Cottbus
Eine Selbstanzeige, die Hoffnung macht

Fröbel-Chef Stefan Spieker
Fröbel-Chef Stefan Spieker FOTO: Fröbel gGmbH / LR
Cottbus. Fröbel-Chef Stefan Spieker über den Hilferuf des Kita-Trägers und mögliche Konsequenzen für Cottbuser Familien. Von Peggy Kompalla

In Cottbus besuchen 992 Kinder eine der elf Einrichtungen des Kita-Trägers Fröbel. Der hat sich Anfang der Woche selbst angezeigt. Das klingt dramatisch und ist es auch. Das macht Geschäftsführer Stefan Spieker klar. Gleichzeitig versichert er: „Wir werden keine Eltern kündigen.“ Konsequenzen gibt es trotzdem. „Wir werden keine langen Verträge mehr abschließen.“ Der Träger könne nicht noch mehr Kinder über zehn Stunden betreuen. Der Grund ist eine einfache, aber schmerzliche Rechnung und hat viel mit dem Selbstverständnis des gemeinnützigen Unternehmens zu tun.

In Brandenburg sieht das Kita-Gesetz einen Betreuungsschlüssel von 1 Erzieher zu 5 Kindern in der Krippe und 1 Erzieher zu 11 Kindergartenkindern vor. Diesen Personalschlüssel finanziert das Land aber nur bis zu 7,5 Stunden. Die Mehrzahl der Kinder wird aber deutlich länger betreut.

Bei einer acht Stunden Betreuung sinkt der Betreuungsschlüssel damit auf 1:5,3 in der Krippe und 1:11,7 im Kindergarten. Das sieht noch nicht schlimm aus. Aber bei zehn Stunden liegt der Schlüssel schon bei 1:6,6 in der Krippe und 1:14,6 im Kindergarten. In der Realität bedeutet das: Eine Erzieherin kümmert sich um deutlich mehr Kinder als es das Kita-Gesetz vorschreibt. Je höher der Anteil von Zehn-Stunden-Verträgen, um so schlechter ist der Betreuungsschlüssel. „In Cottbus ist es besonders dramatisch“, gibt Stefan Spieker zu. Soll heißen: eine Erzieherin kümmert sich teils um neun Krippenkinder oder sogar 16 Kindergartenkinder. Das ist die Realität, weil die Betreuung bis zu zehn Stunden eben nicht vom Land finanziert wird.

In Cottbus betreut Fröbel nach eigenen Angaben 46 Prozent der Kinder zehn Stunden lang. Das ist spitze in Brandenburg. Dieser Anteil sei in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen und habe etwas mit der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt zu tun. Dabei ist dieser hohe Anteil nicht gleichmäßig verteilt. „In einzelnen Einrichtungen werden sogar 60 Prozent der Kinder zehn Stunden lang betreut“, sagt der Fröbel-Chef und fügt an: „Das bedeutet eine Dauerüberforderung der Erzieher und das ist nicht fair.“ Deshalb habe Fröbel nun den Entschluss zur Selbstanzeige gefasst.

„Die wenigsten Kinder profitieren tatsächlich von dem guten Betreuungsschlüssel. Deshalb wollen wir erreichen, dass das Land sein ursprüngliches Versprechen der guten Betreuung auch abschließend erfüllt.“ Sprich: Das Land solle das Kita-Personal vollumfänglich finanzieren.

Stefan Spieker betont: „In den Kindergärten wird das Fundament für alle weiteren Bildungsstufen gelegt.“ Darüber hinaus leisten die Einrichtungen einen großen Anteil an der Integration – gerade in Zeiten, in denen in Cottbus besonders viele Geflüchtete eine neue Heimat finden. Das werde in der Kita-Diskussion gern unterschlagen. Stattdessen geht es in der Debatte meist nur um das liebe Geld. Aber nicht umsonst lautet der vollständige Name des gemeinnützigen Unternehmens Fröbel Bildung und Erziehung gGmbH.

Eltern haben dem Geschäftsführer zufolge einen Rechtsanspruch in zweierlei Hinsicht: einmal quantitativ – also über sechs, acht oder eben auch zehn Stunden Betreuung und einmal qualitativ – was sich auf den Personalschlüssel bezieht. „Wir stecken in dem Dilemma: Was erfüllen wir?“, fragt Spieker. Fröbel hat seine Entscheidung gefällt. Unter den gegebenen Umständen sei beides nicht zu machen. Mit diesem Problem schlagen sich alle Kita-Träger in Brandenburg herum.

In Potsdam hat am Donnerstag die Anhörung zum neuen Kita-Gesetz stattgefunden. Im Landtag stand allerdings das geplante beitragsfreie Vorschuljahr im Fokus. Das wird von der rot-roten Landesregierung als große Errungenschaft gesehen, vorangetrieben und entsprechend verkauft. Die schwierigen Rahmenbedingungen in den Einrichtungen spielten nur am Rande eine Rolle.

Die Selbstanzeige von Fröbel drei Tage vor der Anhörung hat für Aufsehen gesorgt. Unterstützer formieren sich. „Den meisten Landespolitikern war das Problem bislang gar nicht bekannt“, betont Stefan Spieker. Deshalb sieht er in der aktuellen Kita-Diskussion und Überarbeitung des Kita-Gesetzes eine große Chance. „Wir haben uns frühzeitig gemeldet. Damit ist bis August genügend Zeit, um nachzujustieren“, sagt der Geschäftsführer.