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Eine Schalmei kommt nie allein

Sie versuchen, eine lange Tradition zu retten: Schalmeispieler aus Cottbus und Lauta.
Sie versuchen, eine lange Tradition zu retten: Schalmeispieler aus Cottbus und Lauta. FOTO: Annett Igel
Cottbus/Lauta. Die Cottbuser Schalmeispieler können nicht ohne die Lautaer in Sachsen und umgekehrt. Das Nachwuchsproblem macht ihnen zu schaffen. Dabei ist die Schalmei ein Instrument, das man zu Hause wegen der imposanten Dezibel-Werte nicht üben kann. Die Musiker brummen und pfeifen ihre Stücke mal beim Kochen durch oder trommeln den Rhythmus auf den Badewannenrand. Annett Igel-Allzeit

Der Wind zupft an ihren Haaren und Notenblättern. Doch gegen den Wind, den sie am Cottbuser Bootshaus durch die Schalmei pusten, kommt er nicht an. "Du bist mein Sonnenschein, lass mich nie mehr allein, Michaela" - den Schlager, mit dem Bata Illic einst einen großen Hit landete, können einige im Publikum mitsummen. Die Schalmeienkapelle macht munter. Sie wohnen in Lauta, Hoyerswerda, Peitz, Cottbus, in einem der Orte dazwischen und spielen die Schalmei seit ihrer Jugend. Die längere Geschichte haben die Lautaer. Vor 51 Jahren wurde die Schalmeienkapelle von der Betriebssportgemeinschaft Turbine gegründet. Sie nahmen an Bezirksmeisterschaften und an Turn- und Sportfesten teil und sicherten sich den DDR-Vize-Meister-Titel in einer Spielunion. Die Schalmeienkapelle Cottbus gründete sich vor 29 Jahren. 38 musikinteressierte Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und 15 Jahren trafen sich 1986. In den ersten Jahren wurde dreimal in der Woche beim ESV Lok RAW geprobt - dem Sportverein des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes. "Wir mussten im Notfall an allen Instrumenten der Kapelle einspringen", erinnert sich Günter Peuker. "Ich war gerade bei der Armee. Für den nächsten Auftritt schickten sie mir eine Kassette mit den Stücken. Aber welches Instrument ich spielen sollte, erfuhr ich erst kurz vorm Auftritt - die Trommel. Also übte ich die Schläge noch schnell in der Badewanne", erzählt Peuker. Sven Pohsiwan - heute 48 - war 14 Jahre, als er mit der Schalmei begann. "Viele kamen zur Kapelle, weil die Freundin schon dabei war", erinnert sich Sylvia Erlitz aus Lauta. Unmittelbar nach den Weltfestspielen 1973 in Ost-Berlin begann sie mit der Schalmei.

Es gibt sie in den Stimmlagen Sopran, Alt, Bariton und Tenor. Der Tubabass kann begleiten. Trommeln und Becken schlagen den Rhythmus. Ihren Ursprung hat die Schalmei in der Martins trompete, die, wie das Martinshorn, von Max B. Martin um 1905 entwickelt wurde. Am Auto des Kaisers hupte sie. Als Instrument entdeckten die Schalmei um 1920 die Turn- und Fahrradvereine. Auch in der Arbeiterbewegung, in Bergmannsrevieren und Industrieregionen bildeten sich Schalmeienorchester. In der DDR entwickelte sich eine richtige Szene mit hoher Musikalität. Peuker ist stolz, dass sie alle Noten lesen können. "Ich kenne Kapellen, die spielen nach Fingersatz oder anderen Systemen." Stolz erzählen ostdeutsche Schalmeispieler auch die Anekdote weiter, dass sich Erich Honecker für Udo Lindenbergs Lederjacke 1987 mit einer Schalmei bedankt hat.

Als es zur Wende 1989/90 viele Mitglieder beruflich in andere Gegenden Deutschlands zog, kamen die Klangkörper in Lauta wie Cottbus in personelle Schwierigkeiten. "Wir brauchen Spieler in jeder Stimmlage, sonst funktioniert eine Kapelle nicht", sagt Wolfgang Just. Anfang der 90er-Jahre bildeten die Lautaer und die Cottbuser ihren Verbund, um die Schalmei-Musik trotz der gesunkenen Mitgliederzahlen zu erhalten. Wolfgang Just übernahm die Leitung der Kapelle. An großen Schalmeientreffen nehmen sie teil. 1991 fuhren sie zu einem Gastspiel nach Nantes in Frankreich. Beim Maifest in Osnabrück und beim Weinfest in Cochem an der Mosel sorgten sie für Stimmung. Auch in der Region sind sie gefragt, helfen beim Zampern und haben eine Startnummer im Cottbuser "Zug der fröhlichen Leute". Aber mehr als 17 werden sie zur Probe in Lauta nicht. Einige schaffen es, Probenlager zu besuchen - wie im März in Dessau. Da wird geübt für Fanfaronaden und Meisterschaften.

Einen Wettbewerb lang zu stehen oder einige Kilometer quer durch Berlin zu laufen, gehört zum Schalmeispielen. Schultergestelle gibt es für die Trommeln. Gurte halten die Schalmei. 270 Ost-Mark, so erinnert sich Just, haben die Schalmeien in der DDR gekostet. "Heute kommen wir locker auf 1800 Euro." Aber die Schalmei verbindet. "Sie ist kein Soloinstrument, klingt nur in Gruppe, vereint also", sagt Just. Anders als Pianisten und Geiger müssen Schalmeispieler zu Hause nicht über. "Sonst hätten wir keine Nachbarn mehr." Jetzt einen Marsch oder gleich ein Medley? Just wartet, bis alle das richtige Notenblatt festgeklammert haben, dann hebt er kurz den Finger und reiht sich ein.

Zum Thema:
Die Schalmeienkapelle des ESV Lok RAW probt derzeit in Lauta, spielt aber in der gesamten Region - zum Beispiel am 27. Juli zur 750-Jahr-Feier in Forst. Erreichbar ist die Kapelle unter schalmeien@esv-lok-raw-cottbus.de und über Wolfgang Just unter der Telefonnummer 0355 421950.