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| 13:39 Uhr

Cottbus
Eine Reise in den DDR-Alltag

Cottbus. Kurzfilme, die vor mehr als 30 Jahren im Amateurfilmstudio des TKC entstanden sind, stehen im Obenkino noch einmal im Blickpunkt.

„Ein Spiegelbild der mittleren und ausgehenden DDR“, kündigte Moderator und Filmemacher Donald Saischowa den Zuschauern an, die am Samstagnachmittag den Weg ins Obenkino gefunden hatten. Sechs von 18 Filmen, die in den Jahren 1973 bis 1989 entstanden waren, sind für die Vorführung ausgewählt worden.

Zum Auftakt gab es einen Rückblick auf die „Spreewaldfestspiele des Bezirks Cottbus ´82“. Was heute als Imagefilm für die Region bezeichnet wird, war damals ein Auftragswerk des Bezirkskabinetts für Kulturarbeit und belegt, worauf Donald Saischowa mit einem Zitat aus dem Jahr 1954 aus einem Zeitdokument verwies: „Die Volkskunst ist von zentraler Bedeutung…“ So gehörte die „Straße der Volkskunst“ mit Spinnrad, Schafschur, Körbeflechten und Ostereiermalen zu den Höhepunkten – wie der noch heute beliebte Kahnkorso, bei dem frisch eingelegte Spreewaldgurken händeweise ins Publikum geworfen wurden.

„Mit kleine Hände lernen sehen“ griff Ulrich Kölling als Autor ein ganz anders gelagertes Thema auf – den Alltag in einer Familie mit einem sehbehinderten Kind. Dieser Film erhielt beim Amateurfilmfestival Wernigerode 1988 den zweiten Platz. „Auch Andreas Dresen hat damals an dem Festival teilgenommen“, sagte Donald Saischowa zur Bedeutung des Festivals für das Amateurfilmschaffen in der DDR.  In diesem Film ist Musik des Cottbuser Komponisten Harald Lorscheider (1939 bis 2005) eingesetzt worden. Eingerahmt von einer Modenschau zwischen den Produktionsmaschinen im TKC spulten die Filmemacher in dem Streifen „Präsent 20“  die Arbeit in einem Vorzeigebetrieb ab. Da fehlten der sozialistische Wettbewerb ebenso wenig wie die sozialpolitischen Maßnahmen. „Dieser Film fiel bei Wettbewerben durch – es fehlte die künstlerische Ader“, stellte Hubert Andörfer, damals Leiter des Amateurfilmstudios (AFS), fest. „Solche Filme wurden einfach erwartet“, ergänzte Frank Hlawitschka in der Podiumsrunde. Er war als Schüler schon technikinteressiert und begeisterter Fotoamateur und so zum AFS gekommen. Zu dieser Veranstaltung war er aus Köln angereist – er ist heute Chefkameramann beim WDR.

Mit „He‘ junge Mutti“, „S. Jähn in Cottbus“ und „Eine wahre Begebenheit aus dem Leben der Ziege Elvira“ wurden im zweiten Teil der Vorführung wiederum drei sehr unterschiedliche Filme gezeigt, die aber auch einen Einblick in die Lebensrealität der DDR geben. Da gab es die kritische Auseinandersetzung des Blues-Musikers Jürgen Kerth über den Umgang einer gestressten Mutter mit ihrem Kind, der in Bilder gefasst wurde. Dem Film mit den Kosmonauten Sigmund Jähn und Eberhard Köllner, einem Auftragswerk auf Parteilinie, folgte die Ziege Elvira – ein Beispiel, wie die jungen Filmamateure ihrem Affen Zucker gegeben haben. „Wir hatten das Bedürfnis, etwas zu tun und waren froh, über das Filmstudio unsere Ideen realisieren zu können“, sagte Lutz Schwikal.

 „Ich bin interessiert an bewegten Bildern aus der DDR-Zeit. Ich war sechs Jahre alt, als die Wende kam“, begründete Agneta Linder (34), warum sie zur Vorführung der Amateurfilme ins Obenkino gekommen war. In Guben geboren, heute in Cottbus zu Hause, habe sie keine Bilder mehr von der DDR. „Mich interessiert, wie die Menschen miteinander umgegangen sind.“ „Ich bin gekommen, weil wieder einmal Filme gezeigt wurden, die belegen, was mit ehrenamtlicher Arbeit damals geschaffen wurde“, sagte Hermann Fischer (88), damals selbst 8-mm-Filmer. Er habe sich über die Wendezeit hinaus engagiert, beispielsweise bei Wintersportausflügen für Cottbuser Freizeitsportler.

(ho)