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| 18:44 Uhr

Blick in die Geschichte
Eine neue Verkehrsader für Cottbus

Historische Fotos vom Bau des Stadtrings in Cottbus FOTO:
Cottbus. Vor 40 Jahren ist der Stadtring freigegeben worden. Das schaffte eine Entlastung für die wachsende Bezirksstadt. Von Peggy Kompalla

Die Bezirksstadt Cottbus ist bereits seit zwei Jahren mit mehr als 100 000 Einwohner eine Großstadt als sie endlich auch eine passende Verkehrsader erhält. Im Jahr 1978 wird der Stadtring in seiner vollen Länge freigegeben. Die Straße ist 5,3 Kilometer lang, zu großen Teilen vierspurig und führt über sechs Brücken. Sie schafft eine neue, schnelle Verbindung zwischen Süden und Osten. Deshalb läuft das Projekt bei Hans Speck und seiner Mannschaft im Büro für Verkehrsplanung und später in der Stadtdirektion Verkehrsbau über Jahre auch unter dem Arbeitstitel Süd-Ost-Tangente. Im Volksmund ist bis heute der Begriff Tangente erhalten geblieben.

Hans Speck ist längst im Ruhestand angekommen. Trotzdem erinnert sich der Stadtplaner bestens an das Bauprojekt. „Heute ist der Stadtring so selbstverständlich geworden.“ Damals ist die Trasse ein echter Fortschritt und führt sofort zu einer spürbaren Verkehrsentlastung.

Mit dem Stadtring erhielt die aufstrebende Bezirksstadt eine Hochstraße. Hier ist die Baustelle an der Parzellenstraße zu sehen.
Mit dem Stadtring erhielt die aufstrebende Bezirksstadt eine Hochstraße. Hier ist die Baustelle an der Parzellenstraße zu sehen. FOTO: Dieter Leubauer

Stadtplaner Speck bringt es auf einen griffigen Nenner: „Die Arbeit befand sich im Osten der Stadt, die Wohnungen im Süden.“ Süd-Ost – das ist also die Hauptverkehrsrichtung. Cottbus verfügt aber nicht über eine entsprechende Verbindung. Der Planer zählt auf: „Die Fernverkehrsstraße 115 führte in Ost-West-Richtung, die 169 endete am Knoten mit der Franz-Mehring-Straße. Nur die 97 ging. Aber für eine aufstrebende Stadt war das schon ziemlich dünn. Die Brücken waren ein Problem und die langen Wartezeiten an den Bahnübergängen. Alle Routen führten über den Thälmann-Platz.“ Der heißt heute Brandenburger Platz und ist 1978 der größte Nutznießer des neuen Stadtrings.

Die LAUSITZER RUNDSCHAU verkündete am 5. Oktober 1978 auf der Titelseite die Freigabe des Stadtrings in Cottbus.
Die LAUSITZER RUNDSCHAU verkündete am 5. Oktober 1978 auf der Titelseite die Freigabe des Stadtrings in Cottbus. FOTO: LR

Als die Planer im Büro für Verkehrsplanung im Jahr 1969 mit der Projektierung der Tangente beginnen, zählt Cottbus knapp 83 000 Einwohner. Den Auftrag für das Projekt gibt der Rat der Stadt. Der erste Bauabschnitt schafft eine Verbindung vom heutigen Turbokreisel bis zur Dissenchener Straße. Der zweite Bauabschnitt schließt sich an und führt bis zur Forster Straße. Der Abschnitt hat es in sich. „Dafür musste ein Damm geschüttet werden“, erzählt Hans Speck. 250 000 Kubikmeter Bodenmasse müssen herangebracht werden. Falk Eisermann war zu der Zeit Produktionsleiter im Tiefbaukombinat, Betriebsteil Verkehrsbau. Er erinnert sich: „Das Material für den Damm sollten wir in den Madlower Schluchten holen.“ Gesagt, getan. Die Bauleute sind wenig zimperlich. Das Vorgehen bringt den Landschaftsarchitekten Otto Rindt auf die Palme. Produktionsleiter Eisermann muss den Konflikt lösen. Er fährt nach Madlow. „Mit Recht hat er sich darüber aufgeregt“, sagt Eisermann. „Damals wurde keine Rücksicht auf die Natur genommen.“ Landschaftsarchitekt Rindt hat die zündende Idee. „Aus dem Loch in den Schluchten soll ein Badesee werden“, sagt Eisermann. Als er wenig später an die Bauhochschule Cottbus wechselt, wird „Die Renaturierung der Bodenentnahmestelle“ eine seiner ersten Forschungsprojekte, die er betreut.

Der Stadtplaner Hans Speck ist heute 77 Jahre alt.
Der Stadtplaner Hans Speck ist heute 77 Jahre alt. FOTO: LR / Peggy Kompalla

Beim dritten Bauabschnitt des Stadtrings werden die Planer vom Rat der Stadt ausgebremst. Der Abschnitt zwischen Forster Straße und Straße der Jugend darf nur noch zweispurig gebaut werden. Hans Speck zuckt mit den Schultern. In der Erinnerung ist das leicht. Damals herrscht jede Menge Druck von der Partei. Es muss alles in den Fünf-Jahres-Plan passen. „Wir mussten oft genug betteln, um die Hochbaukapazitäten zu bekommen“, erzählt er. Der letzte Bauabschnitt liegt zwischen Straße der Jugend und Bahnhof. Dabei werden auch die beiden Kreuzungen verbreitert und mit Gleiskreuzen für die Straßenbahn versehen.

„Wir haben auch daran gedacht, den Stadtring zu schließen“, sagt Hans Speck und zeigt auf dem Stadtplan den Bereich westlich des Bahnhofs. „Aber das war durch die Armee blockiert.“

Am 5. Oktober 1978 wird die Tangente freigegeben. Die LAUSITZER RUNDSCHAU, damals das Organ der Bezirksleitung Cottbus der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, interviewt zu dem Anlass Stadtrat Siegfried Koalick. Der erklärt: „Die Freigabe des Stadtrings, der Anschluss der Straßenbahn an den Bahnhof und die Weiterführung der Straßenbahnlinie nach Sachsendorf/Madlow bis zur Wendeschleife Autobahn sind würdige Höhepunkte zu Ehren des 30. Jahrestages der DDR.“

Blick auf die Baustelle Stadtring. In dem Zug wurde auch die Kreuzung mit der Straße der Jugend verbreitert und ausgebaut.
Blick auf die Baustelle Stadtring. In dem Zug wurde auch die Kreuzung mit der Straße der Jugend verbreitert und ausgebaut. FOTO: Dieter Leubauer
Historische Fotos vom Bau des Stadtrings in Cottbus FOTO: