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| 15:11 Uhr

Theater-Experiment
Eine Nacht lang Freiraum für die Schauspielkunst

 Die Kammerbühne als Verhandlungsraum für Rollenzwänge, Geschlechterklischees und das Patriarchat.
Die Kammerbühne als Verhandlungsraum für Rollenzwänge, Geschlechterklischees und das Patriarchat. FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross
Cottbus. In der Kammerbühne des Staatstheaters zeigen Künstler aller Sparten kreatives, provokantes Theater. Von Andrea Hilscher

Man nehme ein gutes Dutzend Schauspieler, Alt und Jung gut gemischt. Tanz und Musik, die geballten Ideen aus den Künstlerischen Werkstätten des Staatstheaters und vielleicht auch das ein oder andere Glas Alkohol. Gut durchrühren und abwarten, was passiert. Im besten Fall ein Abend, der unterhält, zum Nachdenken anregt und wie eine Frischzellenkur fürs Theater wirkt. Mit Glück passt auch das Publikum zum „Freiraum Generator. Die erste lange Nacht für spielplanunabhängige Schauspielkunst“.

Im Foyer der Kammerbühne gibt es einen bunten Wirbel aus Video-Einspielern, Cocktailmixern, dem seltsamen Instrument des „Freiraum Generators“, dazwischen die zunächst etwas ratlosen Besucher: Wo sollten sie hin, wo würden sie die Kunst in ihrer Entfaltung nicht stören? Schnell wird klar: Regeln gibt es an diesem Abend keine. Nach dem schrillen „Startschuss“ sorgt Thomas Harms mit einer Lesung frei nach Joachim Meyerhoff für einen humorvollen Auftakt: Selten wurde mit so viel Charme über Treppenlifte geschrieben und gelesen.

Dann der einzige Programmpunkt der Nacht, der keine Wiederholung finden sollte: In der „Sexpression“, einer von Lucie Thiede und Michael von Bennigsen geschriebenen Satire, lernen wir einen schmierigen König Trump nebst einer verzagten Gattin kennen, die jedes noch so platte Geschlechterklischee zementieren. Drei junge Frauen kämpfen darum, sich von ihren Rollenzwängen zu befreien – und tappen doch in die Schönheitsfallen des Instagram-Zeitalters.

Überzeichnet? Manchmal. Aber dann wieder gibt es Momente, die den Atem stocken lassen – weil Frauen Ähnliches immer wieder erfahren, weil Männer betroffen in sich gehen und fragen: Sind wir wirklich so? Der Bürgerchor tut ein Übriges, um die Wut auf das Patriarchat und das eigene Unvermögen in die Debatte zu schleudern, das Ensemble spielt sich die Seelen aus den Körpern, das Publikum ist begeistert.

Draußen, im Foyer, den Toiletten und in der ehemaligen Kantine geht es längst schon weiter mit Tanz und Installation, Lesung, Improvisation. Dazwischen wird gegessen und getrunken, gelacht und diskutiert. Eine Nacht lang ist das Theater lebendig wie selten, und ein klein wenig fühlt sich Cottbus an wie die große weite Welt.

 Die Kammerbühne als Verhandlungsraum für Rollenzwänge, Geschlechterklischees und das Patriarchat – in persona von König Trump.
Die Kammerbühne als Verhandlungsraum für Rollenzwänge, Geschlechterklischees und das Patriarchat – in persona von König Trump. FOTO: Staatstheater Cottbus / Marlies Kross