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| 15:01 Uhr

Kulturszene Brandenburg
Nachts im Museum öffnen sich ungeahnte Räume

Hans-Georg Wagner (l.) und Matthias Steier komponieren die Anordnung ihrer Bilder und Reliefs in Neuzelle.
Hans-Georg Wagner (l.) und Matthias Steier komponieren die Anordnung ihrer Bilder und Reliefs in Neuzelle. FOTO: Saischowa Donald
Cottbus. Nachts im Museum ist mehr los, als man so denkt – zumindest, wenn ein dickes K davorsteht: Das Museum für Moderne Kunst hat am Samstag eben dieses Kunst-K ausgerufen, um Künstler, Kunstkenner und –freunde wie auch schlicht neugierige Cottbuser ins Dieselkraftwerk zu locken. Von Andrea Hilscher

Schon vor dem Museum geht es los mit der Kunst: Eine Filmprojektion unter dem Titel „terra incongnita“ von Jo Fabian stimmt ein auf neue, zum Teil aufwühlende Sicht- und Kunsterfahrungen. Im Museum dann Jazz auf den Fluren, Führungen durch die aktuellen Ausstellungen, Mitmachprojekte und natürlich „das dickste K“, wie Hausherrin Ulrike Kremeier es nennt: eine Filmpremiere des Dokumentarfilmers Donald Saischowa. Nicht die erste in diesem Hause. Von Mal zu Mal werden die Stühle knapper, heute reichen sie kaum aus für die zahlreich angereisten Gäste.

Donald Saischowa zeigt „Selfie beim Höllensturz“: Er begleitet zwei Künstler bei der Arbeit an einem in seiner Art einmaligen Projekt. Der Grafiker und Bildhauer Hans-Georg Wagner (Cottbus) und der Maler Matthias Steier (Eisenhüttenstadt) hatten im Frühjahr den Auftrag erhalten, für das „Himmlische Theater“ im Kloster Neuzelle eine zeitgenössische Interpretation des Jüngsten Gerichts zu installieren. Kunst in ungewöhnlichen Dimensionen. Ein Raum von 15 mal 7 mal 6 Metern  war zu füllen. Schon allein physisch ein kräftezehrender Akt – und ein Sujet wie gemacht für Donald Saischowa. Seit Jahren beobachtet er immer wieder Künstler in ihrem Schaffensprozess und dokumentiert, wie sich ihre Ideen Raum nehmen, greif- und sichtbar werden.

Auch in diesem Film setzt Saischowa auf die Macht der langsamen Bilder. Lässt uns zuschauen, wenn Wagner mit ruhiger Hand in seinem Atelier Relief um  Relief aus dem Holz heraussägt. Steier dagegen malt, und jeder Pinselstrich ist fühl- und hörbar. Doch während Steier immer wieder betont, dass er sich gegen jede Interpretationshilfe seiner Werke sperrt, gibt Wagner Hinweise auf seine Intention, seine Vorbilder, seine Inspirationsquellen.

Beide Männer schaffen es, ihre eigenständigen Werke gemeinsam in einem Raum zu installieren, sich aufeinander zu beziehen, ohne dabei von ihrem eigenen Weg abzuweichen. Heraus kommen 120 Quadratmeter Kunst. Acht Bilder von Steier, 134 Reliefs von Wagner, alles kraftaufwendig komponiert zu einem opulenten Schaubild. Das biblische Motiv des Jüngsten Gerichts modern interpretiert: der Kampf zwischen Arm und Reich, zwischen erster und dritter Welt, oben und unten. Dazwischen ein ratloser Jesus, mitten zwischen den Opfern einer entfesselten Zeit. 55 Minuten lässt der Film uns teilhaben an dem Werden des Passionsbildes, das insgesamt vier Monate in Neuzelle gezeigt wurde. Jetzt liegt es eingemottet auf einem Dachboden des Klosters. „Wer einen sechs Meter hohen Raum hat – wir kommen gerne und stellen es dort auf“, sagt Hans-Georg Wagner.   Modelle und Vorstudien seiner Reliefs sind in seiner aktuellen Ausstellung „Gewimmel“ im Cottbuser Atelier zu sehen. Matthias Steier zeigt ab dem 10. November in Eisenhüttenstadt, wie sich sein „Höllensturz“ entwickelt hat. Der Film zur Kunst wird am 24. Oktober im Brandenburgischen Landesmuseum für Moderne Kunst in Frankfurt/Oder gezeigt. Die DVD ist im Museumsshop des DKW und im Kloster Neuzelle erhältlich.