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| 02:34 Uhr

Eine Geschichtsstunde der besonderen Art

Steven Schindler erzählt den Kindern vom Schicksal seiner Familie.
Steven Schindler erzählt den Kindern vom Schicksal seiner Familie. FOTO: Nicole Nocon
Cottbus. Es war für beide Seiten ein beeindruckendes Erlebnis. Durch ihre Begegnung mit Steven Schindler hat Geschichte für die Kinder der Bewegten Grundschule ein persönliches Gesicht bekommen. Und der Sohn des Cottbuser Holocaust-Überlebenden Max Schindler wird positive Erinnerungen an die Heimatstadt seines Vaters mit zurück in die USA nehmen. Nicole Nocon

Steven Schindlers Onkel Alfred war 1938 zehn Jahre alt. Genauso alt wie die Viertklässler Moritz, Lukas oder Julia, die heute die Bewegte Grundschule in der Cottbuser Weinbergstraße besuchen. Sie lernen im selben Schulhaus, in dem auch Alfred Schindler zur Schule ging. Bis zum 28. Oktober 1938. An diesem Tag wurde Alfred, genauso wie sein um ein Jahr jüngerer Bruder Max, von der Gestapo aus dem Unterricht geholt und verhaftet. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrer kleinen Schwester Cäcilie wurden die Jungs zum Bahnhof gebracht. Die Schindlers und weitere jüdischen Familien wurden gezwungen, Cottbus und Deutschland zu verlassen. Sie wurden nach Polen abgeschoben. Die Nazizeit und den Holocaust haben nur Max und Alfred überlebt. An Benjamin, Rachela und Cäcilie Schindler erinnern in Cottbus drei Stolpersteine in der Calauer Straße, wo die Familie ihren Wohnsitz hatte. Max und Alfred Schindler wurden als jüdische Waisen von Hilfsorganisationen zunächst nach England, später in die USA gebracht. Max Schindler lebt heute San Diego. Sein Bruder Alfred starb 1991.

Seit einigen Wochen beschäftigen sich die Dritt- und Viertklässler der Stammgruppe Erde der Bewegten Grundschule im Unterricht mit der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Kinder wissen schon einiges über die Zeit der Nazi-Herrschaft und viele von ihnen sind mit ihren Eltern am 15. Februar gegen den Aufmarsch der Neo-Nazis auf die Straße gegangen. Jetzt hat die Geschichte, die sie aus Büchern, Filmen oder den Erzählungen ihrer Eltern und Lehrer kennen ein persönliches Gesicht bekommen. Steven Schindler, Max Schindlers Sohn, ist zu ihnen nach Cottbus gekommen. Bereits 2011 hat der Amerikaner die Lausitz bereist, um die Heimatstadt seines Vaters kennenzulernen und die Stolpersteine seiner Großeltern und Tante aufzusuchen. Bei seinem ersten Besuch hat Steven Schindler noch einige Spuren seiner Familie entdecken können. Seither ist sein Kontakt in die Lausitz nicht mehr abrissen.

Die Begegnung mit den Mädchen und Jungs der Bewegten Grundschule hat Steven Schindler, dessen Eltern beide das Grauen der Konzentrationslager durchleiden mussten, noch einmal einen neuen Blick auf Cottbus eröffnet. Gemeinsam mit Gudrun Breitschuh-Wiehe, die die Verlegung von Stolpersteinen in Cottbus initiiert, begleitete Steven Schindler die Kinder auf einer Exkursion zu den Stolpersteinen in der Calauer Straße, zum letzten Cottbuser Wohnsitz der Schindlers in der Marienstraße und in die Straße der Jugend, wo der Name der Weinhandlung von Max Schindlers Onkel in einer Toreinfahrt noch lesbar ist.

Es war den Schülern freigestellt worden, sich dem Rundgang nach dem Unterricht anzuschließen. Fast alle und auch einige Eltern sind dabei. Unterwegs erfahren die Kinder, was den Schindlers angetan wurde. Dass sie vor der Abschiebung nur wenig Zeit hatten, ihre Koffer zu packen. Dass sie nur das Allernötigste mitnehmen durften und hinter der deutschen Grenze im Niemandsland zurück- und sich selbst überlassen wurden. Die Kinder hören gebannt zu, stellen viele Fragen. Gudrun Breitschuh-Wiehe hat ausführlich zum Schicksal der jüdischen Familien in Cottbus recherchiert. Auch Steven Schindler kann von ihr noch Neues über die Situation seiner Familie vor ihrer Abschiebung erfahren, etwa dass seine Großeltern mit den Kindern keineswegs freiwillig in die so genannten "Judenhäuser" in der Marienstraße umgezogen ist. Mit seiner Handykamera nimmt er Fotos und kurze Filme auf, die er seinem Vater nach seiner Rückkehr vorspielen wird. Die Kinder reagieren unmittelbar. Es geht ihnen nah, als sie hören, wie die Familie getrennt wurde, dass Menschen in Lagern planmäßig ermordet wurden und dass Max und Alfred durch den Nazi-Terror Mutter, Schwester und auch ihren Vater verloren haben, der wenige Tage nach der Befreiung des Konzentrationslagers Theresienstadt an Typhus starb.

"Das Schicksal der Familie Schindler ist sehr traurig. Das berührt die Kinder natürlich. Aber ich denke, dass sie alt genug sind, um zu erfahren, was Menschen aus ihrer Stadt angetan wurde. Die meisten der Grundschüler wissen schon viel über den Krieg und die Nazizeit. Durch die Exkursion und den persönlichen Bezug werden lange zurückliegende Ereignisse für sie begreifbar", sagt Jacqueline von Morstein, die Lehrerin der Stammgruppe. Steven Schindler war sichtlich berührt von der Begegnung mit den Kindern, von ihrem großen Interesse am Schicksal seiner Familie und von dem herzlichen Empfang, den die Schule ihm bereitet hat. "Die Kinder sind genau so alt wie mein Vater und mein Onkel zur Zeit ihrer Verhaftung waren. Durch sie wird für mich anschaulicher, was meine Angehörigen erleben mussten", sagte er. "Ich kann nicht in Worte fassen, wie viel mir die Begegnung heute gegeben hat."