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Eine Generation im Griff sozialer Netzwerke

"Der Raum": Szene mit Laura Völkel und Konstantin Walter (im Vordergrund).
"Der Raum": Szene mit Laura Völkel und Konstantin Walter (im Vordergrund). FOTO: Piccolo/Michael Helbig
Cottbus. Ein riesiges Auge wacht über die Szene. Nichts entgeht seiner Kontrolle, alles ist für jedermann abrufbar im World Wide Web. Die neueste Produktion des Piccolo-Jugendklubs "Der Raum" deckt die Kehrseite einer verheißungsvollen Technik schonungslos auf. Nach seiner überaus erfolgreichen Premiere wird das Stück heute zum zweiten Mal aufgeführt. Ulrike Elsner

Kommuniziert wird im Netz. Köpfe beugen sich über leuchtende Displays. Junge Menschen begegnen sich im virtuellen Raum. Das ist nicht unbedingt schlecht. Wenn die Akteure sich aber in der digitalen Welt verlieren und konstatieren "Ich mag dich im Netz mehr", läuft etwas falsch und zwar gründlich.

Die 16- bis 19-jährigen Darsteller haben sich dem Thema "Leben im Netz" seit dem vergangenen September unter der Leitung von Schauspieler und Regisseur Matthias Heine immer mehr angenähert, in Schreibwerkstätten eigene Texte verfasst und sie mit Stücken wie "Rausch" von Falk Richter und "Chatroom" von Enda Walsh zusammengebracht. Entstanden ist eine sehr authentische, stimmige und nachdenklich stimmende Zustandsbeschreibung einer Generation im Griff sozialer Netzwerke.

"Schüler können heute eher ein Smartphone bedienen als gegen einen Ball treten", ist Matthias Heines Erfahrung. Allerdings habe er bei der gemeinsamen Arbeit deutlich gespürt, dass sie nicht unmündig sind, sondern durchaus wissen, was sie tun, wenn sie im Netz unterwegs sind. Auch unterscheiden sich ihre eigentlichen Wünsche und Träume keineswegs von denen früherer Generationen. "Nähe soll es geben, Miteinander, Verständnis, ein Weiterkommen", heißt es im Stück. Und doch ist da Verunsicherung: "Bis du real, ist irgendwer real?"

Sechs Charaktere treffen auf einander. Ihre Geschichten und Schicksale sind miteinander verwoben und doch erreichen sie ein ander nicht. Bis auf ganz wenige wertvolle Momente. So in der Begegnung zwischen Florian und Laura, bei der sie ihn geradezu beschwört: "Ich bin hier, um Dir zuzuhören." Später wird Florian sich selbst und anderen eingestehen: "Ich habe geweint, weil meine Mutter mich nicht mag."

Alles gipfelt in der Erkenntnis: "Wir müssen uns ausloggen."

Bei einem Schülertheater kommt es bekanntlich nicht so sehr auf die Qualität des Produkts, sondern vor allem darauf an, was mit den Beteiligten während der Proben und Auftritte geschieht, welche Erkenntnisse und Kompetenzen sie gewinnen.

In dieser Eigenproduktion des Piccolo-Jugendklubs geht beides zusammen. Das Publikum fiebert mit und fühlt sich gut unterhalten, wozu die temporeiche Inszenierung und das auf wenigen klug gewählten Elementen basierende Bühnenbild beitragen. Neben einer überzeugenden Ensembleleistung sind immer wieder herausragende Einzelleistungen zu beobachten wie Pantomime und Gesang von Luzie Juckenburg (Anna). Nicht minder schwer wiegt aber, dass wohl keiner der Darsteller unverändert aus dieser Inszenierung heraus geht.

"Ich bin einfach mehr sensibilisiert für das Thema", sagt Dorothea Röger (19), die sich mit Laura Völkel in die Rolle der Laura teilt. "Mir ist bewusster geworden, wie man im Netz überwacht wird. Und ich gehe jetzt vorsichtiger mit meinen Daten um." Zwar werde sich wohl kaum jemand bei Facebook abmelden, weil man diese Kontakte einfach braucht, räumt Luzie Juckenburg ein. Allerdings, so die 18-Jährige, "muss man nicht so viel von sich preisgeben".

Weitere Vorstellungen gibt es am heutigen Mittwoch, am morgigen Donnerstag und am Freitag, 17. April, jeweils 19 Uhr, www.piccolo-cottbus.de