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| 17:49 Uhr

Die schönste Weihnachtsgeschichte
„Der erste Schrei ist der schönste Moment“

 Hebamme Beatrice Manke liebt ihren Beruf.
Hebamme Beatrice Manke liebt ihren Beruf. FOTO: Tino Schulz
Cottbus. Es ist die bekannteste Geburt der Weltgeschichte: Am Heiligen Abend feiern Christen, dass Gott Mensch wurde, und dass Jesus Christus im Stall von Bethlehem zur Welt kam. Eine Szene, die in Weihnachtskrippen vielfach nachgestellt wird – und die sich ganz ähnlich heute Tag für Tag in Lausitzer Kreissälen abspielt. Dort, wo Hebammen wie Beatrice Manke und ihre Kolleginnen den Lausitzer Eltern dabei helfen, Kinder auf die Welt zu bringen. Von Benjamin Lassiwe

An ihre erste Geburt erinnert sich Beatrice Manke noch immer. „Der schönste Moment war der erste Schrei des Kindes“, sagt Manke. „Als das Baby da war und ich beobachten durfte, wie eine Familie entsteht, wenn die Eltern das erste Mal ihr Neugeborenes ansehen.“ Beatrice Manke ist Hebamme, seit 17 Jahren. Mit ihrem schwarzen VW-Beetle fährt sie durch Cottbus und berät Schwangere, bietet Geburtsvorbereitungskurse an und betreut Mütter und Säuglinge nach der Geburt. Ursprünglich war sie einmal Bibliotheksmitarbeiterin, doch nachdem sie selbst Kinder bekommen hatte und in den alten Beruf nicht zurück wollte, entschied sie sich für eine Hebammenausbildung.

Damals, im Kreissaal in Forst, bot Manke auch noch selbst Geburten an. „Bei meiner ersten Geburt war ich gar nicht entspannt“, sagt Manke. „Man macht sich einfach Gedanken, auch wenn es eine schöne, unkomplizierte Geburt war.“ Doch der Anblick der glücklichen Eltern würde das immer entschädigen: „Die Eltern haben ja viele Monate darauf gewartet, endlich ihr Kind in den Armen halten zu können“, sagt Manke. Sie hätten sich lange überlegt, wie der eigene Nachwuchs wohl aussehe. Im Kreissaal lernt sich die Familie dann endlich kennen. Besonders anstrengend sei die Geburt dabei oft auch für die Väter. „Sie sind in einer ganz schweren Situation: Ihre Frauen kämpfen und haben Schmerzen, aber sie können sie dabei nur beobachten“, sagt Manke. „Nichts für ihre Familie tun zu können, das beschäftigt viele Männer bei der Geburt.“ Nicht umsonst ist die Figur des Josef in der Weihnachtsgeschichte wohl eher eine Randfigur.

Matthias Bauch und Anne Pretzel haben das alles gerade erlebt, sogar in doppelter Ausführung. Ende Oktober kamen Janos und Jolante per Kaiserschnitt auf die Welt. „Matthias hat bei der Geburt meine Hände gehalten“, sagt Anne Pretzel. „Aber natürlich hatte ich die ganze Zeit Angst, dass mit den Kindern irgendetwas sein könnte.“ Für den glücklichen Vater sei dagegen die Frage, wie die Kinder wohl aussehen, das Aufregendste gewesen. „Man überlegt die ganze Zeit, wie die Kinder wohl sein werden.“ Und dann durfte der Papa die Nabelschnur der Babys durchtrennen. Heute lebt die Familie in einer Wohnung in Cottbus, und immer wieder kommt Beatrice Manke, die die jungen Eltern nur noch „Bea“ nennen, zu Besuch. Denn zur Hebamme gibt es ein Vertrauensverhältnis. Die Kinder werden gewogen, die Eltern sprechen mit der Hebamme darüber, wie das Stillen lief. „Die ersten zwei Wochen waren schon heftig“, sagt Anne Pretzel. „Aber mit unserer Hebamme und dank der Hilfe von vielen Freunden und unseren Familien haben wir das bislang gut geschafft.“

 Matthias Bauch und Anne Pretzel mit ihrem doppelten Glück.
Matthias Bauch und Anne Pretzel mit ihrem doppelten Glück. FOTO: Tino Schulz

Doch die Hilfe einer Hebamme zu finden, ist für werdende Cottbuser Familien schwer. Beatrice Manke ist für das kommende Jahr schon lange im Voraus gebucht. „Ich nehme die Familien in der Reihenfolge an, in der sie sich bei mir melden“, sagt Manke. Andere Kriterien gebe es nicht. Und manchmal geht es dann halt nicht mehr. „Viele Frauen finden heute keine Hebamme mehr, das ist ein großes Problem“, sagt Manke. Manche werdenden Mütter aus der Lausitz müssten zum Geburtsvorbereitungskurs sogar bis nach Berlin oder Dresden fahren. Sie selbst biete neben ihrem eigenen mittlerweile einen zweiten Kurs für Frauen an, um die Situation etwas abzufedern. „Ein Problem ist, dass gerade die Familien, für die die Schwangerschaft völlig überraschend kommt, und die selbst eigentlich nicht vorbereitet sind, keine Hebamme finden“, sagt Manke. „Aber gerade diese Familien bräuchten unsere Hilfe doch besonders.“

Aber in Cottbus gibt es schlicht zu wenig Hebammen – und das, obwohl die Hebammenschule am Carl-Thiem-Klinikum eine von nur zwei Ausbildungsstätten für diesen Beruf in Brandenburg ist. Doch von den dort ausgebildeten Frauen blieben nur wenige in der Region. Und den Sprung in die Selbstständigkeit trauten sich auch nicht alle zu. Schließlich stehen Hebammen wie Beatrice Manke auch beruflich vor Herausforderungen – etwa dem Problem mit der Haftpflichtversicherung: Hebammen, die nur Vor- und Nachsorge für Geburten anbieten, müssten 500 bis 600 Euro pro Jahr zahlen. Die Prämien für Hebammen, die selbst bei der Entbindung helfen, belaufen sich dagegen auf rund 8000 Euro. Denn ein kleiner Fehler bei der Geburt kann lebenslange Folgen haben. „Das muss man erst einmal erwirtschaften, auch wenn die Krankenkassen heute einen Zuschlag an alle Hebammen zahlen, die mindestens eine Geburt pro Quartal durchführen“, sagt Beatrice Manke. Sie selbst hat sich vor einigen Jahren indes entschieden, nur noch Vor- und Nachsorge anzubieten. „Ich wollte Abstand von dem Leistungsdruck haben, der in vielen Krankenhäusern herrscht, und auch mehr Planbarkeit in meinem eigenen Berufsleben.“

Insgesamt könne sie aber gut von ihrem Beruf leben, betont Beatrice Manke. „Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir immer nur Jammern, wie schlecht es den Hebammen geht: Im Gegenteil, wir brauchen dringend Nachwuchs.“ Der Deutsche Hebammenverband kämpft deswegen auch für eine Akademisierung des Hebammenberufs. Denn in vielen europäischen Ländern haben Hebammen einen Hochschulabschluss, nur in Deutschland nicht. Und ein Standort für so eine Ausbildung könnte durchaus die Cottbuser BTU werden, sagt Beatrice Manke. „Das wünsche ich mir jedenfalls als Cottbuserin“.

 Na, schön zugenommen? Hebamme Beatrice Manke prüft dies mit einer Waage.
Na, schön zugenommen? Hebamme Beatrice Manke prüft dies mit einer Waage. FOTO: Tino Schulz