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| 07:51 Uhr

Auf Entdeckungstour
Alle Routen führen zur Spree

Hans Müller zeichnet am Schloss Branitz: Die Landschaft ist ohnehin schon wie gemalt.
Hans Müller zeichnet am Schloss Branitz: Die Landschaft ist ohnehin schon wie gemalt. FOTO: Bettina Köhl
Cottbus.. Wer in Cottbus einfach drauflos radelt, findet lauschige Natur, viel Wasser, Historisches und Modernes. Von Bettina Köhl

Auf den ersten Blick ist diese Stadt eine Überraschung, überall sprudelnde Brunnen und Stauwehre, dazu viel schöne Architektur aus Barock, Klassizismus und Gründerzeit. Um möglichst viel in kurzer Zeit zu erkunden, bietet sich für mich als Tauschreporterin eine Radtour an, also auf zur Touristeninformation. „Cottbus ist eine der grünsten Städte Deutschlands“, sagt die freundliche Mitarbeiterin und händigt mir allerhand Material aus. Nur zur im Internet beworbenen Stadtradeln-Tour gibt es keine gedruckte Anleitung, ebenso wenig wie zum Architekturpfad. Öffentliche Toiletten – ebenfalls Fehlanzeige. Die Mitarbeiterin verweist auf das benachbarte Einkaufszentrum, das Innen so aussieht, wie ich mir Nachwendearchitektur vorstelle.

Buchstabensuppe hinter Glas: Das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum der BTU Cottbus.
Buchstabensuppe hinter Glas: Das Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum der BTU Cottbus. FOTO: Bettina Köhl

Mangels Fahrradkarte geht es zuerst den braunen Hinweisschildern nach zum berühmten Postkutscher. Nachdem ich vor der Stadtmauer in Pfeilrichtung hin und her geradelt bin, komme ich schließlich auf die Idee, hinter die Lindenpforte zu schauen - und da ist er auch schon. Das zungenbrecherische Postkartenmotiv mit dem Cottbuser Postkutschkasten ist also abgehakt.

FOTO: BDZV

In der Altstadt zeigt sich, dass historischer Straßenbelag mit grobem Kopfsteinpflaster, Straßenbahnschienen und kleine Faltradreifen nicht so gut harmonieren. Nur Fürst Pückler auf seinem weißen Hirsch hat noch kleinere Räder als ich, aber der steht ja auch nur dekorativ in der Gegend rum.

Nur Fürst Pückler auf seinem weißen Hirsch hat noch kleinere Räder als das
Faltrad.
Nur Fürst Pückler auf seinem weißen Hirsch hat noch kleinere Räder als das Faltrad. FOTO: Bettina Köhl

 Was hatte die Dame in der Touristeninformation gesagt? Viel Grün! Das wird jetzt mein Leitfaden durch die Stadt. Durch die Parks geht es einmal außen an der Stadtmauer entlang, vorbei an den schönen Villen der Puschkinpromenade und am Elektrizitätswerk, das stolz an der Spree thront. „Alle Routen“ verkündet eines der wenigen Hinweisschilder für Radfahrer, und das kann ja nicht falsch sein.

Tauschreporterin Bettina Köhl aus Bonn am Cottbuser Wahrzeichen, dem Postkutscher.
Tauschreporterin Bettina Köhl aus Bonn am Cottbuser Wahrzeichen, dem Postkutscher. FOTO: Bettina Köhl

 Ich lasse mich treiben, immer am Fluss entlang. Einfach draufloszufahren ist ohnehin viel spannender, als eine festgelegte Zwölf-Kilometer-Tour abzuarbeiten. Das satte Grün der Spreeufer wird nur von einigen Sitzmöbeln unterbrochen, die wirken, als seien sie von einer Bundesgartenschau vergessen worden. Zwischendurch muss ich mir Mühe geben, um bis zum nächsten Foto-Stopp nicht von einem Jogger überholt zu werden. Überhaupt scheinen die Cottbuser viel Energie zu haben, was Sport im Freien angeht.

Mitten im Park weisen zahlreiche Routenschilder die Richtung.
Mitten im Park weisen zahlreiche Routenschilder die Richtung. FOTO: Bettina Köhl

 Unvermittelt taucht die Spreewehrmühle auf, ein technisches Denkmal mit zauberhaftem Biergarten. An Schilf und Schrebergärten entlang ist es nicht mehr weit bis zum Nordring, einer völlig anderen Welt. Durch Seitenstraßen geht es Richtung Innenstadt, als die nächste Überraschung auftaucht. Ein burgartiger Turm mit einer gläsernen Fassade, die wie mit Buchstabensuppe übergossen wirkt. Man kommt auch ohne Hinweis darauf, dass das nur zur Universität gehören kann. Um die lichte Architektur von Herzog & de Meuron sind die Cottbuser Studenten zu beneiden, hier muss man doch einfach auf frische Ideen kommen.

Das Gebäude wirkt auch deshalb so großzügig, weil es auf seinem Hügel genug Platz hat. Dieser Eindruck zieht sich durch die Stadt: Zwischen den vielen sanierten Gebäuden ist noch Raum für Neues, ganz anders als zu Hause im überfüllten Rheinland, wo um jeden Quadratmeter Wohnfläche gerungen wird. Auch verkehrstechnisch geht es entspannter zu. „Nach 18 Uhr ist die Ampel ausgeschaltet“, sagt eine Passantin, als ich ratlos unter der Lichtsignalanlage an der vierspurigen Straße stehe. Ohnehin sind die Cottbuser hilfsbereit und auskunftsfreudig, allerdings nur wenn man sie fragt. Solche Zurückhaltung kennt der Rheinländer nicht.

Ich habe noch eine Ex-Rheinländerin auf meiner Liste, die schöne Henriette Sontag. Sie war 2016 samt Rosenlaube zu Gast bei der Bonner Parkomanie-Ausstellung auf dem Dach der Bundeskunsthalle und kehrte anschließend frisch restauriert zurück. Von der Cottbuser Innenstadt den Radweg zu Schloss Branitz zu finden, ist gar nicht so einfach. also wieder den braunen Pfeilen nach, die mir sogar einen flüchtigen Blick ins Elefantengehege des Zoos bescheren. Dort, wo ich das Schloss vermute, heißt es an jedem Pfad: Radfahrer absteigen. Nach einem Umweg finde ich schließlich doch zum spätbarocken Domizil des Hermann Fürst von Pückler-Muskau.

Vom Landschaftspark, der wie eine „begehbaren Galerie“ voller schöner Bilder ist, hatte ich schon bei der Ausstellung in Bonn gehört. Dass Bäume, Teiche und Skulpturen tatsächlich wie gemalt sind, zeigt Hans Müller von der Seniorenakademie der Uni, der gerade zwei Fabelwesen auf den Treppenpfeilern am Schloss skizziert. „Es gibt viele tolle Motive im Park. Pückler war ein großer Visionär“, sagt Müller.

Visionär gehe ich auch das Projekt Rückfahrt an und folge erstmal einem Wagen der Parkgärtner, um dann völlig überraschend auf einen regelrechten Schilderbaum mit Radrouten zu stoßen. Die Niederlausitzer Bergbauroute erweist sich als Volltreffen. Über einen lauschigen Weg führt sie unter Bäumen entlang zurück in die Innenstadt, wo ich längst noch nicht alles gesehen habe. Eine Woche wird dafür leider auch nicht reichen.